Nicht alle Träume sind schön, wie das Bild „Der Nachtmahr“ (ca. 1790) von Johann Heinrich Füssli zeigt. Foto: Directmedia Publishing/Wikimedia
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Oliver Lück. Foto: www.heiderose-gerberding.com

Träume in coronaren Zeiten scheinen um einiges intensiver zu sein. Jedenfalls geht mir das so. Fast jeden Morgen kann ich mich an die Erlebnisse der letzten Nacht erinnern. Mal bin ich im Dschungel Costa Ricas, dann auf indonesischen Vulkanen unterwegs. Vielleicht träume ich aber auch so abenteuerlich, da man ja gerade etwas eingeschränkter lebt, nicht verreisen kann und wenigstens der Geist mal wieder unterwegs sein will.

Letzte Nacht passierte Folgendes: Weißer Dampf zog den Fluss hinauf. Eine Weile lang stand eine Libelle vor mir in der Luft und maß mich. Ab und zu gackerten Hühner, die mit zusammengebundenen Beinen im Schatten lagen. Befreiendes Gefühl mit der Machete im Gestrüpp zu arbeiten. Fallende Äste. Lianen durchtrennt, als wären sie Luft. Wenn ich mit dem Fuß stampfte, liefen dünnbeinige, fast durchsichtige Spinnen am Strand entlang und setzten ihre Flucht direkt auf der Wasseroberfläche fort.

Ein anderes Mal spielte ich eine Art Roulette, nur dass es keine Kugel gab, sondern ein lebendes Meerschweinchen unter einem Holzkistchen, das von einer Schnur hochgehoben wurde. Im Kreis waren nummerierte Almhütten aufgebaut mit jeweils einem dunklen Eingang. Das Meerschweinchen rannte eine Weile unschlüssig herum, stockend, bis es schließlich rasch entschlossen in einem der Eingänge verschwand. Zu gewinnen gab es das Meerschweinchen, und ich wagte immer größere Einsätze, bis ich nichts mehr an mir trug.

Überhaupt haben Tiere in meinen Träumen gerade wichtige Hauptrollen: Ein Schwein war in einen Abwasserschacht gefallen. Es überlebte dort viele Jahre von den Abfällen, die man hineinwarf. Es wuchs und wuchs. Und als es den Schacht schließlich ganz verstopft hatte und man es herausholte, war es weiß und fett geworden und hatte die Form des Schachts angenommen. Es war zu einer Art rechteckigen, würfelförmigen, wabbeligen Gestalt geworden, ein großes Stück Fett, das nur das Maul zum Fressen bewegen konnte.

Vielleicht sollte ich bald mal mit jemandem sprechen, der Träume zu deuten vermag.

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

Auch das Buch „Zeit als Ziel“ hat Oliver Lück verfasst. Foto: pr

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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