Diese Wirtsstube malte Theodor Kleehaas. In Wirtsstuben lässt sich gut philosophieren. Foto: www.hampel-auctions.com/wikimedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Da wir ja gerade wenig verreisen können, heute mal eine Geschichte über das Reisen – zumindest darüber, wo es anfängt: Zuhause. Vor Jahren bin ich in Danzig einem Mann begegnet, der mich sehr beeindruckt hat und an den ich in den letzten Wochen immer wieder denken muss: Marek war Wirt in der Altstadt. Ein kleiner, kompakter Mann, doch vieles an ihm war auch riesig. Sein Kopf, seine Oberarme, sein Bauch. Vor allem aber seine Hände, die fest zupacken konnten und die so manchen seiner Sätze dadurch betonten, dass sie mit großer Wucht auf den glatt gewischten Tresen klatschten.

Es waren viele gute Sätze dabei. Man konnte glauben, Marek war so eine Art Kneipenphilosoph. Er sagte zum Beispiel: „Es muss nicht immer Indien sein, auch bei uns polnischen Nachbarn ist es schön.“ Oder: „Wer zuhause nicht zufrieden ist, wird auch auf Reisen nicht glücklich.“ Meist schrie Marek seine kostenlosen Weisheiten in den Lärm seiner vollbesetzten Kneipe hinein, was den Worten zusätzliche Dramatik verlieh.

„Wer zuhause nicht zufrieden ist, wird auch auf Reisen nicht glücklich.“ Was für eine Erkenntnis! Ohne Zweifel hatte Marek natürlich recht – heute mehr denn je, da wir ja zuhause bleiben, im Homeoffice arbeiten und die viele Zeit mit dem Menschen verbringen müssen, um den es sich ja sowieso schon das ganze Leben dreht: Jeder mit sich selbst.

Ich erkläre mir meine kleine Welt in den letzten Wochen übrigens gerne mal mit Musik. Mit Rio Reiser zum Beispiel: „Ich zähl‘ die Tage, zähl‘ die Stunden/Zähl‘ die Minuten, die Sekunden/Meine vier Wände starren mich an/Und fragen, was ist los mit dir?“ Oder auch Element of Crime: „Heimatlos und viel zu Hause/Unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun/Rette mich vor mir selber/Hauptsache Liebe und Hauptsache du.“

Ein anderer Refrain von Element of Crime geht so: „Wo deine Füße steh`n/Ist der Mittelpunkt der Welt.“ In einer Welt, die voller Mittelpunkte ist, passte das aber schon weit vor Corona.

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch
Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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