Erika Krauß mit dem damaligen Bürgermeister Ole von Beust (CDU, l.) und dessen Vorgänger Ortwin Runde (SPD, verdeckt) beim Senatsempfang zu ihrem 90. Geburtstag. Foto: Stahlpress
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Die Fotografin war eine Ikone des Hamburger Boulevardjournalismus – nach ihr ist die Erika-Krauß-Twiete benannt

Volker Stahl, Altona

In Altonas Neuer Mitte wurden zahlreiche Straßen nach Frauen benannt, die sich um Hamburg verdient gemacht haben. Seit 2016 gibt es dort den Platz der Arbeiterinnen. Und eine Erika-Krauß-Twiete. Lesen Sie mal, welch illustre Persönlichkeit sich hinter diesem Namen verbirgt. „Erika Krauß Feuilletonblätter“ stand jahrzehntelang in schwarzer Schrift auf weißem Grund neben „ihrem“ Pressefach im Hamburger Rathaus. In ihren späten Jahren machte sie Schlagzeilen als „Deutschlands älteste Fotografin“. Denn noch im hohen Alter fischte sie vormittags die Zettel mit den Terminen des Tages heraus. Fast 60 Jahre lang ging Erika Krauß mit ihrer Kamera für das Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ auf die Pirsch.

Wer, wie der Autor dieser Zeilen, einst als Beifahrer in ihrem Golf für die „Mopo“ zu Terminen durch Hamburgs Straßen düste, war angesichts ihres rasanten Fahrstils zwar froh, heil anzukommen – aber auch beeindruckt von der Vitalität und dem Durchsetzungsvermögen der Seniorin.

Ihre zweite Heimat: das Hamburger Rathaus

Als Erika Krauß selbst vor die Kameras trat, hielt Ole von Beust ihren Fotoapparat. Foto: Stahlpress

Aus ihrem Alter machte die Grande Dame des Hamburger Foto-Journalismus stets ein kleines Geheimnis – geboren sei sie „irgendwann gegen Ende des Ersten Weltkrieges“, erzählte sie schmunzelnd. Doch als Anfang 2007 durchsickerte, dass die stets schwarz gekleidete Reporterin für ihr Lebenswerk mit einem Senatsempfang geehrt werden würde, machte der Anlass die Runde: ihr 90. Geburtstag!

„Deine Bilder sind kleine Kunstwerke“, würdigte Ole von Beust (CDU) sie in seiner launigen Laudatio. Der damalige Hamburger Bürgermeister verwies auf „Erikas spitze Ellenbogen bei Terminen“, drückte der kleinen, gebeugten Person, zu der die Hamburger Ikone des Fotojournalismus mittlerweile geschrumpft war, ein Küsschen auf die Wange und schenkte ihr einen eleganten Samthut. Als sich die Geehrte im Empfangssaal ihrer zweiten Heimat, dem Rathaus, mit einer kurzen Ansprache bedankte, stand der Bürgermeister wie ein Schuljunge neben ihr – und hielt brav die Kamera der Rednerin. Ohne Hut und Fotoapparat verließ die Fotografin nie das Haus.

Mit ihrem dritten Auge hat die Berichterstatterin nicht nur alle Hamburger Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg porträtiert. Auch Prominente wie Marlene Dietrich, Zarah Leander, Max Schmeling und Schwedens Königin Silvia spiegelten sich in der Kameralinse von „Erika“, wie sie von allen gerufen wurde – darunter die mit ihr befreundeten ehemaligen Rathaus-Chefs Ortwin Runde und Henning Voscherau.

1940 absolvierte Krauß eine akademische Ausbildung als Kamerafrau, Cutterin und Regieassistentin. Anschließend filmte sie für die Tobis-Film und Ufa in Berlin, wo sie die Stars der 1940er-Jahre kennenlernte. Kurz vor Kriegsende sattelte sie zur Fotografin um und legte 1948 die Meisterprüfung ab.

An ihre erste Kamera, eine „schweineschwere Askania“ erinnerte sie sich noch lange: „Das muss man sich mal vorstellen: Ich als kleines Würstchen mit einer Riesentrommel.“ Nach einem kurzen Engagement beim „Düsseldorfer Mittag“ und im Bremer Umland kam sie 1950 nach Hamburg.

Dort machte sich die sechsfache Mutter und Großmutter mit einfühlsamen Porträts der politischen Prominenz der Hansestadt schnell einen Namen. „Erika gehört zur Fotografenszene wie Champagner zum Dessert“, sagte eine Kollegin zum 90. über sie. Das blieb noch einige Jahre so. Fragen zu ihrem Ruhestand konterte sie barsch: „Ich muss ja später noch lange genug in der Grube liegen.“ Erika Krauß starb am 26. Juni 2013 im Alter von 96 Jahren – hochbetagt, hochverehrt und bis heute unvergessen.

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