Soll ich oder soll ich nicht? Viele Smartphone-Nutzer überlegen noch, ob sie die App auf ihr Handy laden sollen. Foto: pr
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Gaby Pöpleu, Hamburg. Seit gut einer Woche ist die Corona-Warn-App der Bundesregierung am Start, bis Dienstag luden sich 11,8 Millionen Bundesbürger die App herunter. Damit können sie nachvollziehen, ob sie in der Nähe eines nachweislich mit dem Coronavirus Infizierten gewesen sind – wenn der die App ebenfalls nutzt und sich dafür entscheidet, andere zu warnen. So sollen Infektionsketten aufgedeckt und neue örtliche Covid-19-Ausbrüche schnell eingedämmt werden.
Auch der Hamburger Senat und die Bürgerschaft befürworten die App. „Wir brauchen Downloads, Downloads, Downloads“, sagt Claudia Loss, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion aus Harburg.
Damit sie bundesweit wirklich nützlich ist, müssten laut einer Studie aus Oxford 60 Prozent mitmachen. Von allen 83 Millionen Bundesbürgern wären das also knapp 50 Millionen Menschen, quasi alle, die es können.
Doch auch weniger hilft beim Nachverfolgen möglicher Kontaktketten, meint Virologe Christian Drosten im NDR, so eine Tracing-App sei einfach schneller als herkömmliche Telefonketten, wenn irgendwo ein Infektionsherd auftrete.
Gibt es Sicherheitsbedenken? Eher wenige, selbst der „Chaos Computer Club“ sieht „keine nennenswerten Mängel“ und der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar hat sein Okay gegeben, da die Daten nur auf dem eigenen Handy gespeichert und zum Beispiel keine Namen oder Standortdaten irgendwohin übertragen würden. Caspar: „Es hat sich gelohnt zu warten: (…) Das technische Konzept wurde so umgestellt, dass der Datenschutz in beispielhafter Weise gewährleistet werden kann.“

Es hat sich
gelohnt zu
warten
Johannes Caspar,
Hamburger Datenschutzbeauftragter

Nur wenige Informatiker warnen, so Thorsten Strufe, Professor am Karlsruher Institut für technologie in den „Badischen Neuen Nachrichten“. Er sagt, dass man die zugesicherte Anonymität der App leicht knacken könne: Über eine zweite App könnte man dem eigenen Handy beibringen, sich den Zeitpunkt von Kontakten zu merken. Ein Blick in den privaten Terminkalender, und schon wisse man, wer sich hinter einem zunächst anonymen Kontakt verberge. „Ich halte es aber für schwierig, wenn positiv getestete Menschen identifiziert werden können. Das kann Personen stigmatisieren.“ Strufe hofft auf Nachbesserungen der App.
Nachbesserungen könnten auch in einem zweiten Punkt nötg sein: Die App läuft nur auf relativ neuen Smartphones. Wer einen älteren „Knochen“ sein eigen nennt, hat schlechte Karten. Das seien vor allem ältere und arme Hamburger, sagt Klaus Wicher, Vorsitzender des Sozialverbands SoVD Hamburg: „Es gibt genug Menschen, die gar kein Smartphone besitzen, weil sie nichts mit dem Internet anfangen oder es sich schlicht nicht leisten können.“ Er appelliert an die Sozial- und die Gesundheitsbehörde, für diese Menschen eine Lösung zu finden.
Außerdem: Die App arbeitet mit Bluetooth-Technologie. Das heißt: Die Bluetooth-Funktion des Handys mus dauerhaft eingeschaltet sein. Das verbraucht Akkuleistung und macht das Handy stets für andere Handys in der Umgebung wahrnehmbar. Viele Experten sehen das als unproblematisch an: Wer WLAN nutze, sei einer vergleichbaren Unsicherheit ausgesetzt, sagen IT-Experten von heise.online.
Nicht durchsetzen konnten sich Linke und Grüne mit ihrer Forderung nach einem Gesetz: So müsse sichergestellt werden, dass Menschen, die die App nicht nutzen, womöglich bestimmte Orte oder Einrichtungen dennoch besuchen dürften oder im Job nicht benachteiligt würden.

Wer kann die App herunterladen?
Wieviele Bundesbürger können die App überhaupt nutzen? Das weiß niemand so ganz genau. Nicht alle besitzen ein Smartphone, und nicht alle Smartphones sind geeignet. Das hat mehrere Ursachen: Die App ist nur für die Betriebssysteme Adroid und iOS programmiert worden. Dass schließt zum Beispiel Besitzer von Windows-Handys oder Blackberrys aus. Und dann muss es sich um ein relativ neues Handy handeln: Schon einige iPhone 6 von Apple sind zu alt, Android-Handys sind da etwas flexibler: Alle mit dem Betriebssystem „6.0 Marshmallow“ können die App runterladen. Welches Betriebssystem das eigene Handy nutzt, kann in den „Einstellungen“ nachgelesen werden.
Nach Berechnungen des Online-Portals der Frankfurter Allgemeinen faz.net müssten in Deutschland von 83 Millionen Einwohnern rund 50 Millionen Menschen technisch in der Lage sein, die Warn-App zu nutzen. Bleibt die Frage, wieviele von ihnen es wollen.

So funktioniert die Corona-Warn-App
Öffnen Sie ihren App Store (iOS/Apple) oder Play Store (Android). Geben Sie in der Suchmaske „Corona-Warn-App“ ein. Möglicherweise werden dann verschiedene Apps zum Download vorgeschlagen. Achtung: Nur die des Robert-Koch-Institus RKI ist die Richtige.
Die App wurde von SAP und der Telekom entwickelt. Sie erfasst über Bluetooth Abstand und Begegnungsdauer mit anderen Handys und „merkt“ sich Begegnungen, wenn die vom RKI festgelegten Kriterien zu Abstand und Zeit erfüllt sind. Dann tauschen die Geräte untereinander Zufallscodes aus, die in der App 14 Tage gespeichert werden. Werden Personen, die die App nutzen, positiv auf das Coronavirus getestet, können sie freiwillig andere Nutzer darüber informieren. Damit es keine Falschmeldungen über Infektionen geben kann, müssen positive Testergebnisse vom Gesundheitsamt bestätigt werden, bevor sie weitergeleitet werden können.

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