Diese Aufnahme dokumentiert die Dimensionen der Strom erzeugenden Maschinen im Kraftwerk Unterelbe, aber auch die Industrieästhetik jener Zeit mit großen Licht durchflutenden Hallen (um 1926). repro: Altonaer Stadtarchiv/Wolfgang Vacano
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Das Electricitätswerk Unterelbe versorgte Altona mit Energie

Reinhard Schwarz, Hamburg-West

Kohlestrom vom Elbufer bei Neumühlen? Ja, durchaus. Wo vor allem im Sommer zahlreiche Touristen nach Oevelgönne pilgern und dabei an Neumühlen vorbeikommen, passieren diese dort auch eine unscheinbare Mauer. Nur eine Tafel des Altonaer Stadtarchivs erinnert an die bedeutsame industrielle Vergangenheit des Ortes. Hier stand nämlich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges das Electricitätswerk Unterelbe (EWU). Kurz vor dem Ersten Weltkrieg, 1912/1913, wurde das Werk am Elbhang Neumühlen errichtet. Eigentümer der EWU AG war die Stadt Altona und zunächst noch die AEG in Berlin. Ab Mitte der 1920er-Jahre war die Stadt Altona alleiniger Eigentümer des Kraftwerks. Die Kohle kam per Bahn oder mit dem Schiff nach Neumühlen.

Bürgermeister Max Brauer und die Dollar-Anleihe

Aufgrund der sich rasant entwickelnden Industrie benötigten die Firmen, unter anderem im prosperierenden Ottensen, das damals schon zu Altona gehörte, zunehmend elektrischen Strom, der die Dampfkraft ersetzte. Da Ende des 19. Jahrhunderts die noch von Pferden gezogenen Straßenbahnen nun ebenfalls mit Elektrizität betrieben wurden, bezog etwa die Hamburg-Altonaer Centralbahn AG ab 1896 den Strom vom Kraftwerk Unterelbe, das sogar Uetersen und Elmshorn mit versorgte. Auch die Straßenbeleuchtung wurde zu der Zeit zunehmend von Petroleum oder gar Walfischöl auf elektrische Energie umgestellt. Da die Nachfrage nach elektrischem Strom vom Werk in Neumühlen allein nicht mehr gedeckt werden konnte, baute die EWU AG in den 1920er-Jahren im benachbarten Wedel-Schulau ebenfalls ein Kohle betriebenes Kraftwerk, das 1928 den Betrieb aufnahm.

Zu den ersten Einschränkungen bei der Stromversorgung kam es zum Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1918, erläutert Archivleiter Wolfgang Vacano und zitiert aus einer Bekanntmachung des Polizeiamts von Altona vom 19. Januar 1918, also vor 102 Jahren: „In jeder Wohnung mit weniger als fünf Zimmern dürfen höchstens zwei Lampen, in Wohnungen mit mehr als fünf Zimmern höchsten drei Lampen gleichzeitig gebrannt werden.“ Darüber hinaus kam es 1918 zu einer schweren Kesselexplosion im Kraftwerk, die drei Arbeiter tötete und – so Vacano – der Zensur anheim fiel: Es durfte angesichts des Krieges nicht darüber berichtet werden.

Als mit dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937/1938 auch Altona und die Elbvororte an die Hansestadt angegliedert wurden, änderten sich auch die Eigentumsverhältnisse bei der EWU. 1940 übernahm die Hamburger Electricitätswerke AG (HEW) das Kraftwerk Unterelbe und damit auch das Werk in Wedel-Schu-lau. Interessantes Detail: Da der Vorstandsvorsitzende der KWU, Altonas damaliger Bürgermeister Max Brauer (SPD), zur Finanzierung des Schulauer Werks Mitte der 1920er-Jahre Dollar-Anleihen in den USA aufgenommen hatte, konnten die HEW dieses Werk zunächst nur pachten. Die Anleihen hatten eine Laufzeit von 25 Jahren, also bis 1950.

Das Aus für das Kraftwerk in Neumühlen kam mit den alliierten Bombardierungen ab 1943. Es wurde nicht wieder aufgebaut, noch heute befinden sich im Untergrund die Fundamente des Gebäudes. Bis in die 1980er -Jahre stapelten sich auf der ehemaligen Kraftwerksfläche Fischkisten. Seit Jahren wird in Altonas Kommunalpolitik darüber gestritten, ob das Areal – eine späte Hinterlassenschaft des Krieges – bebaut werden oder ob dort ein Park entstehen soll.

 

Das mit Kohle betriebene „Electricitätswerk Unterelbe AG“ am Elbhang in Neumühlen (um 1926). Im Vordergrund sind Schienen zu sehen, die Kohle wurde entweder per Schiff oder mit der Bahn zum Kraftwerk gebracht. repro: Altonaer Stadtarchiv/Wolfgang Vacano

❱❱ Altonaer Stadtarchiv,
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(über Seiteneingang
Hospitalstraße),
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