Hédi Bouden vor „seinem“ Gymnasium. Foto: Istel

Karin Istel, Wilhelmsburg. Wäre es nach seinem Lehrer gegangen, wäre Hédi Bouden heute Schaufensterdekorateur bei Karstadt in Harburg. Doch der damals 15-Jährige hatte andere Pläne: Er machte sein Abitur und studierte. Heute ist er selbst Lehrer, unterrichtet am Helmut-Schmidt-Gymnasium (HSG).
Halblange, sich im Nacken lockende Haare, braune Augen, muskulöse Arme: Hédi Bouden sieht nicht wie ein klassischer Lehrer aus. „Wenn ich mit meinen Schülern unterwegs bin, wird oft die Frage stellt: Wo ist denn euer Lehrer? Die meisten staunen, wenn ich dann antworte: Das bin ich“, sagt Bouden und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Auf Status legt Bouden nicht viel Wert: „Ich bin ich. Ich will authentisch sein. Und manchmal komme ich eben auch leger und in der Jogginghose zum Unterricht. Das ist Ausdruck meiner Freiheit, mich so zu kleiden, wie ich mich an eben diesem Tag fühle.“
Seit seiner Kindheit kämpft er um Anerkennung. „Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und in die Schule gegangen. Doch ich hatte immer Probleme mit der Gesellschaft, die mir vermittelte, dass ich nicht deutsch sei. Mein Deutsch-sein war immer ein Deutsch-sein auf Bewährung. Ich musste immer mehr leisten, um zu belegen, dass ich deutsch bin“, blickt der 37-Jährige mit tunesischen Eltern zurück.
Doch Bouden biss sich durch: „Als Jugendlicher ging ich vormittags in die Schule zum Unterricht, und abends putzte ich dort mit meiner Mutter, denn zu Hause war das Geld knapp.“ Er machte erst den Realschulabschluss, dann das Abitur, er wurde Lehrer für Deutsch, Geschichte, Politik/Gesellschaftskunde/ Wirtschaft und absolvierte eine Zusatzausbildung im Bereich Kunst und Theater.
Die erste Schule, an der Bouden unterrichtete, lag in Othmarschen. „Es hat mir Spaß gemacht, doch ich habe mein Potential dort als vergeudet gesehen. Mein Potential, das ist meine Biografie. Ich weiß, wie es ist, mit Vorurteilen und Rassismus konfrontiert zu werden. Deshalb wollte ich in einen Stadtteil, der bunt ist. Ich wollte nach Wilhelmsburg.“
Jetzt unterrichtet er am HSG. „Die Fächer müssen immer einen Bezug zur Lebenswelt der Schüler bieten, aktuelle Themen aus dem Alltag der Schüler aufgreifen, sie auffordern Stellung zu beziehen und sich eine Meinung zu bilden.“
Im Jahr 2015 suchten hunderttausende Flüchtlinge ihre Zukunft in Deutschland. Anlass für Bouden mit seinen Schülern das Projekt „Krieg, wohin würdest Du fliehen?“ auf die Beine zu stellen. Das Theaterstück wurde mit dem Bertini-Preis und vom Förderprogramm Demokratisch Handeln ausgezeichnet. Auch die folgenden Projekte erhielten vielfach Auszeichnungen.
Aktuell läuft die Kampagne „Why should I care about your history?“ (Was geht mich eure Geschichte an?) In Aktionen setzen sich Jugendliche aus Wilhelmsburg und Israel mit Rassismus, Antisemitismus und dem Holocaust auseinander. „Im Januar 2020 kamen israelische Schüler nach Wilhelmsburg. Anlässlich des 27. Januars, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, wurde in der Kulturkirche Altona unser gemeinsames Projekt aufgeführt. Im März 2021 steht das nächste Austauschprojekt mit Israel an“, so Bouden.
Einmalig für Hamburg: 2018 wurde das HSG Partnerschule der deutschsprachigen Abteilung der International School for Holocaust Studies Yad Vashem. „Wir waren die erste Schule in ganz Norddeutschland, die diese Partnerschaft einging“, sagt Bouden stolz.
Das nächste Projekt mit dem Titel „Woher kommt der Hass?“ ist bereits in Planung. „Im September 2021 sollen 15 Schüler aus Israel, Palästina und hier aus Wilhelmsburg nach New York fliegen. Dort wollen wir zum 20. Jahrestag von 9/11 unser nächstes Stück aufführen.“

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