Midsommerfest mit Tanz und Gesang in Stockholm 2019. Foto: H. Ellgaard/Wikimedia
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Eine Erinnerung an eine Begegnung im ICE nach Basel: Das Bordrestaurant war voll besetzt. An einem der Tische kamen ein polnisches Pärchen aus Danzig, ein Schwede aus Göteborg und ein Journalist aus der Nähe von Hamburg zusammen. Und schnell stand die Frage im Raum: Was war deine unglaublichste Feier? An welches Festmahl wirst du dich dein Leben lang erinnern?

Das Pärchen begann und erzählte von der eigenen Hochzeit: Auf polnischen Eheschließungen sind selten weniger als 100 Gäste. Bei ihnen waren es 400. Mindestens. Als ginge es um einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde, wurde beharrlich Gang für Gang aufgefahren – alle zwei Stunden ein neues, üppiges Gericht. Tage zuvor begannen die Vorbereitungen der eigens engagierten Hochzeitsköchin. Und am Ende der Orgie wurde jedem Gast noch ein Kuchenpaket überreicht – falls man auf dem Heimweg noch Hunger bekommen sollte. Alle waren satt, dreimal satt. Und betrunken.

Dann der Schwede: Auch in seiner Heimat, erzählte er, würden Bräuche nicht nur bewahrt, sondern gerne pompös interpretiert und ausgelebt. Mit großer Hingabe wird Mittsommernacht gefeiert. Dabei stünden meist Massen an bäuerlichen Gerichten auf dem Tisch. Es gäbe eine Vielfalt an fantasievollen Heringsgerichten, ob getrocknet, gebraten oder geräuchert. Doch am liebsten esse man ihn mariniert. Gerade zu Mittsommer. Und so wiederhole sich daher jedes Jahr sein Fest der Feste. Immer am 24. Juni.

Schließlich verriet auch ich mein denkwürdigstes Mahl: Zunächst dachte ich daran, wie ich mal gemeinsam mit Martin Sonneborn bei einer pompösen Presseparty wie ein Vielfraß über das Privat-Buffet des damaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer hergefallen und erst nach zwanzig Minuten von seinen Bodyguards vertrieben worden war. Dann aber wusste ich es: Ich war mal bei einer spanischen Großfamilie eingeladen. Es war kurz vor Weihnachten. Und es gab alles. Schweinefleisch, Rindfleisch, Hühnerfleisch, Lammfleisch, Kalbfleisch, Ziegenfleisch. Gebraten, gekocht, grilliert und eingelegt. Dazu: Pulpo, Scampi, Krabben, Garnelen, Muscheln, Calamares, Krebse und einen Berg diverser Fische. Das Essen dauerte – ungelogen – achteinhalb Stunden.

 

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch Europa (Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

Buntland – 16 Menschen, 16 Geschichten (Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

Oliver Lück. Foto: www.heiderose-gerberding.com

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