Christian Przybylla (l.) und Robert Nilsson leben zur Zeit im „Harburg Huus“. Foto: Reinhard Schwarz / stahlpress Medienbüro

Durch Corona hat sich die Zahl der Ehrenamtlichen im
DRK-Obdachlosentreff um zwei Drittel verringert

Reinhard Schwarz, Hamburg-Süd

„Wir arbeiten am Limit“, sagt Thorben Goebel-Hansen. Der 36-Jährige ist Leiter des „Harburg Huus“, der DRK-Obdachloseneinrichtung am Außenmühlenweg. „Wir haben hier 15 Übernachtungsplätze und 20 Plätze im Tagesaufenthalt“, zählt Goebel-Hansen auf. „Über den Tag verteilt kommen rund 50 Gäste zu uns.“ Die gespendeten Lebensmittel liefert die Hamburger Tafel. Doch seit den behördlichen Einschränkungen durch die Corona-Krise habe sich die Situation komplett verändert.

„18 der Ehrenamtlichen kommen nicht mehr, auch unsere zwei Praktikanten und die zwei FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr, d. Red.) sind vorerst nicht mehr vor Ort“, schildert Goebel-Hansen. Übrig von insgesamt 32 Mitarbeitern seien zehn Kollegen im Drei-Schicht-Betrieb.

Das „Harburg Huus“ ist eine Besonderheit unter den Einrichtungen für Menschen ohne ein Zuhause: Hier dürfen auch Obdachlose mit Hund übernachten. Anderswo sind Hunde in der Regel verboten. Doch für viele Betroffen ist ihr vierbeiniger Wegbegleiter oftmals der wichtigste Sozialkontakt – und Schutz.

Robert Nillson (55) lebt kurzzeitig im „Harburg Huus“: „Die Lage seit Corona ist schlecht. „Mit den Behörden läuft gar nichts. Man kann eine E-Mail schreiben, kriegt aber keine Antwort.“ Er liege „im Clinch“ mit den Behörden, berichtet der gelernte Tischler. Alles laufe sehr schleppend. „Herr Nilsson wurde obdachlos und ist frühzeitig zu uns gekommen, um eine Lösung für sich zu finden“, erläutert Goebel-Hansen.

Mit seinen sauberen, kleinen Zimmern mit doppelstöckigen Betten und dem schmucken Aufenthaltsraum wirkt der Backsteinbau, der früher einmal eine Fabrik beherbergte, wie eine kleine Jugendherberge. Doch hier kehren keine Jugendlichen ein, sondern Menschen mit einem Bruch in der Biografie.

Zu ihnen gehört auch Christian Przybylla (55), in Polen geborener Spätaussiedler, der 1988 nach Deutschland kam. Dem Industriemechaniker wurde vor rund einem Jahr die Wohnung gekündigt. Seitdem ist er obdachlos. Durch die Corona-Krise habe sich für ihn nicht viel geändert, räumt der bescheiden wirkende Mann mit dem schwarzen Vollbart ein: „Wir haben hier alles vor Ort, nur Behördengänge fallen weg. Aber Arztbesuche nehme ich weiter wahr, wegen meines Bluthochdrucks.“ Er ist weiterhin krankenversichert.
Viele Angebote für die Obdachlosen fallen jetzt weg, berichtet Sozialhelferin Sara-Maria Unverzagt. „Unsere Einrichtung basiert auf menschlicher Nähe und Wärme. Unser Freizeitangebot mit Kunst- und Musikprojekten oder Brettspielen liegt auf Eis. Auch unser Sportprogramm liegt brach.“

Ausflüge und Fahrten finden nicht mehr statt. Ziel sei es, den Betroffenen „einen Perspektivwechsel zu ermöglichen, etwa als Fußballfan, Musikliebhaber oder Museumsbesucher“. Sara-Maria Unverzagt: „Die Menschen, die hier herkommen, hatten ein Leben vor der Obdachlosigkeit. Wir wollen, dass sie diese Interessen wieder entdecken. Das fällt jetzt durch Corona alles weg.“

Ein Zimmer für Obdachlose im „Harburg Huus“. Foto: Reinhard Schwarz / stahlpress Medienbüro

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