Sonja Lattwesen (44) betreibt ihr eigenes Label „Make Big Records“. Foto: Sebastian Grundke
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Interview mit Sonja Lattwesen, Inhaberin des Wilhelmsburger Plattenlabels „Make Big Records“

Sebastian Grundke, Wilhelmsburg

Die Corona-Einschränkungen sind gelockert, ein wenig Normalität kehrt zurück in den Alltag. Viele Firmen müssen weiter um ihre Existenz kämpfen. Wie das Plattenlabel „Make Big Records“. Im Wochenblatt-Interview beschreibt Sonja Lattwesen, die Chefin des Wilhelmsburger Labels, ihre Situation.

Was bedeutet Corona für Sie und Ihr Plattenlabel? Mein Plattenlabel ist sehr klein. Ich habe aber zwei Mitarbeiter auf Honorarbasis. Die Einschränkungen betreffen also nicht nur mich. Auch bin ich auf Newcomer spezialisiert. Und diese Bands haben jetzt keine Auftrittsmöglichkeiten mehr.

Wird sich das Label insgesamt erholen und die Krise überstehen? Noch weiß ich gar nicht, wie die Auswirkungen genau sind. Wir, als Label, möchten natürlich weiterhin gerne mit „Running With Lions“ auftreten. Und ich habe auch die Anfrage einer anderen Band, die bei mir auf dem Label gerne ihr drittes Album veröffentlichen möchten. Deren zweites Album ist schon bei uns erschienen. Aber dafür gerade einen Zeitplan zu stricken ist sehr schwer.

Wo ist eigentlich der Firmensitz? In meinem Arbeitszimmer in der Veringstraße hier auf der Elbinsel. Ich wohne ja seit 2007 in Wilhelmsburg und seit 2010 in meiner momentanen Wohnung.

Was machen Ihre beiden Mitarbeiter nun? Die haben beide noch einen Hauptjob. Die Plattenfirma ist für die beiden so eine Art Zusatzhobby. Beide haben ihren Arbeitsbereich bei uns in der Plattenfirma und den können sie auch im Homeoffice machen. Bei beiden läuft der Erstjob weiter, allerdings ebenfalls im Homeoffice. Das müssen die beiden nun dort unter einen Hut bekommen.

Was genau sind die verschiedenen Arbeitsbereiche? Also, wir drei kennen uns schon sehr lange und haben über das Musikbusiness zusammengefunden. Als die mich 2013 quasi überredet haben, die Plattenfirma aufzumachen, brauchten wir einen Businessplan. Der besteht bei uns aus drei Teilen: aus Künstlern und Newcomern, aus Samplern und aus dem Bereich Musik und soziale Medien. Für die Künstler bin ich zuständig und bei den anderen Bereichen sind die anderen die Experten.

Im Sommer stehen eigentlich Festivals an, die für Newcomer eine wichtige Plattform sind. Diese fallen nun weg. Wie gehen Sie damit um? Das ist für mich in Bezug auf das Label kein allzu großes Manko. Ich habe allerdings seit 15 Jahren für das Wacken-Festival gearbeitet und dort Künstlerbetreuung gemacht. Das bedeutete meist, eine Woche vor Ort zu sein, sich also einige Tage vorzubereiten und dann fünf Tage auf dem Festival zu sein. Das hat für mich dann drei Monatsmieten gedeckt. Dazu muss ich sagen, dass diese Arbeit und das Plattenlabel für mich eine Mischkalkulation waren. Das Label allein hat meinen Lebensunterhalt nicht gedeckt.

Wissen Sie schon, ob es das Festival im nächsten Jahr wieder geben wird? Also, die planen zumindest für nächstes Jahr. Für die ist es natürlich ärgerlich, weil es schon das zweite Festival ist, das dieses Jahr ausfallen muss. Im Februar musste wegen der Sturmwarnung ein kleineres Festival abgesagt werden, dass auch auf dem Gelände des eigentlichen Wacken-Festivals stattfinden sollte – dort, wo sonst die Produktionshalle ist. Die Halle gehört den Wacken-Veranstaltern und dort findet dann das „Winter Nights“-
Festival statt. Das ist aber nur so groß in etwa ein Zehntel so groß wie das eigentliche Festival.

Wie gehen Sie nun damit um, dass Wacken ausfällt? Den Einnahmenverlust hat zwar nicht unbedingt das Label, aber ich persönlich schon. Und den muss ich irgendwie kompensieren. Da habe ich aber noch keine Idee, wie ich das machen könnte. Ich muss mal abwarten. Die Abrechnung mit meinem Vertrieb geschieht immer vierteljährlich.

Wie kommt es, dass Sie so auf Hardrock und Metal stehen? Das war bei mir ganz klar Pubertätssozialisierung.

Aber nicht jeder bleibt als Erwachsener der Musik seiner Pubertät so verbunden. Weshalb ist das bei Ihnen so? Weil ich das sehr früh professionalisiert habe. Ich wollte 1998 noch Journalistin werden und habe dann für ein Praktikum beim „Rock Hard“-Magazin gegangen. Das war damals das größte Heavy-Metal-Magazin Deutschlands. Die gibt es sogar noch, auch wenn die Redaktion sich mittlerweile geteilt hat. Ich schreibe auch seit 2002 nicht mehr für die, hatte da aber schon meinen Fußabdruck in der Szene hinterlassen. 2005 bin ich in einem Label, das Freunde von mir gegründet haben, eingestiegen und dort auch bis 2009 gearbeitet. Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise ging es dort aber nicht mehr weiter, sondern das Label ging Pleite. Deshalb hat es auch lange gedauert, bis meine beiden heutigen Mitarbeiter mich dann 2013 überredet haben, erneut ein Label zu gründen.

 

Sonja Lattwesen

war sechseinhalb Jahre Kreisvorsitzende der Grünen im Bezirk Mitte und sitzt für die Grünen in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte.

„80 Prozent von Hamburgs Clubs und Kultureinrichtungen liegen im Bezirk Mitte“, so Lattwesen. „Ich möchte zum Beispiel, dass nach der Pandemie noch Orte wie die Zinnwerke da sind, also dass diese kulturelle Infrastruktur erhalten bleibt.“

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