450 Menschen leben in der Flüchtlingsunterkunft am Albert-Einstein-Ring. Foto: Andresen
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Von Dirk Andresen. Mehr als 30.000 Flüchtlinge haben in Hamburg Schutz vor Krieg oder Verfolgung gefunden. Doch sind sie in Zeiten der Pandemie ausreichend vor dem Coronavirus geschützt? In 25 Hamburger Flüchtlingsunterkünften gibt es Covid-19-Fälle. Es ist ein Streit darüber entbrannt, ob den Schutzsuchenden angemessene medizinische, hygienische und moralische Versorgung sowie Unterstützung gewährt wird.

So demonstrierten etliche Flüchtlinge der Sammelunterkunft am Albert-Einstein-Ring, in der 450 Menschen untergebracht sind, jetzt gegen die aus ihrer Sicht völlig unzureichenden Schutzmaßnahmen in ihrer Einrichtung. Dort wurde zuvor eine Person positiv auf Corona getestet. Flüchtlinge berichten, dass sie sich mit oftmals mehr als 20 Personen Bad und Küche teilen müssen und große Angst haben, sich aufgrund hygienischer Mängel und der Tatsache, dass die notwendigen Abstandsregeln in der räumlichen Enge einfach nicht einzuhalten sind, zu infizieren.

Bewohner wissen um Infektionsrisiko

Franz Forsmann, Vorsitzender des Hamburger Flüchtlingsrates: „Das sind intelligente Menschen, die bestens über die Infektionsrisiken informiert sind und natürlich aufgrund der Zustände in ihren Massenquartieren panische Angst vor Ansteckung haben. Zumal viele Vorerkrankungen haben oder hatten und deutlich zu den Risikogruppen gehören.“

Außerdem werfen die Bewohner den Unterkunfts-Verantwortlichen vor, sie viel zu spät und unzureichend über den Fall informiert zu haben. Dazu sagte Susanne Schwendkte, Sprecherin des Unterkunft-Betreibers Fördern und Wohnen der „taz“: „Die Bewohner des betroffenen Flures wurden noch am Tag der Bestätigung der Infektion informiert.“

Dass das Ausmaß der Bedrohung für die Flüchtlinge in den Hamburger Unterkünften, zu denen neben der im Albert-Einstein-Ring unter anderem auch Einrichtungen am Kaltenkircher Platz gehören, enorm ist, bestätigt ein von Fördern und Wohnen offenbar favorisierter Pandemieplan. In diesem wird laut Antwort auf eine Anfrage der Linken eine Infektionsrate von 20 Prozent unter den über 30.000 in Hamburg beherbergten Flüchtlingen veranschlagt – das wären rund 6.300 Infizierte.

Wohl auch angesichts dieser Zahl reagierte die Stadt und richtet in der Jugendherberge an der Horner Rennbahn eine Quarantäne-Einrichtung für Flüchtlinge und Wohnungslose, die am Coronavirus erkrankt sind, ein. Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde, sagte dazu in der „Welt“: „Wir wollen für alle Eventualitäten gewappnet sein und planen zunächst mit einem Bedarf im mittleren zweistelligen Bereich.“

Für Flüchtlingsrat-Chef Forsmann eine alles andere als angemessene und zielführende Maßnahme: „Das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, eine Reaktion mit Alibi-Funktion.“ In einem offenen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher und den Senat prangern der Hamburger Flüchtlingsrat und die global operierende Organisation ‚Handicap International‘ an: „Die durch die Sammelunterkunft den Geflüchteten aufgezwungene Lebenssituation gefährdet diese auf unverantwortliche Weise.“ Gefordert wird eine Evakuierung der Risikogruppen aus diesen Unterkünften und deren Unterbringung und Versorgung in geeigneten Wohnungen oder wenig ausgelasteten Hotels.

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