Viele Schüler fühlen sich gerade überfordert. Foto: panthermedia
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Corona-Pandemie: Viel zu tun, wenig Hilfe – Schüler klagen über
Homeschooling, viele Eltern scheinen aber zufrieden

Gaby Pöpleu, Hamburg.
„Stress, Verzweiflung, Versagensängste – ich habe keine Kraft mehr!“ Das sind die erschütternden Worte der Wilhelmsburger Schülerin Dilara P. (Name der Redaktion bekannt). Die Elftklässlerin hat einen Hilferuf an ihre Lehrer des Helmut-Schmidt-Gymnasiums in der Krieterstraße geschrieben, weil sie so nicht mehr weitermachen kann. Ihr Lehrer Hédi Bouden bestätigt das. „So geht es gerade allen Schülern!“ schreibt er. Läuft das Homeschooling, der Schulunterricht zuhause, doch nicht?
Der Brief der Gymnasiastin (siehe Infotext) lässt kaum Zweifel: Wer die Erwartungen der Lehrer ernst nimmt, hat derzeit offenbar ein Problem: „Ich versuche als organisierte zielorientierte und ehrgeizige Person, nicht den Überblick zu verlieren, aber ich versinke förmlich in den Aufgaben“, schreibt sie. Und: „Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht die einzige bin, die total überfordert ist, aber wahrscheinlich die einzige bin, die ihr Anliegen so ausführlich darstellt!“
Dabei hatte noch in der vergangenen Woche die Elternkammer dem Homeschooling überwiegend gute Noten gegeben: „Insgesamt sind gut drei Viertel der Teilnehmenden an der Online-Befragung der Elternkammer mit dem Lernen zu Hause tendenziell zufrieden (72,6 Prozent).“ Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben sei für die allermeisten Eltern (71,0 Prozent) angemessen, heißt es in der Umfrage. Immerhin ein Drittel der Eltern nehmen wahr: Ihr Kind arbeite mehr als zu regulären Schulzeiten. So steht es auch in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Elternkammer und Schulbehörde. Auf die verweist auch Behördensprecher Peter Albrecht: „Uns erreichen natürlich immer mal wieder Zuschriften von Schülern, die werden aber von uns nicht statistisch erfasst oder ausgewertet.“
Wissen Eltern, wie es bei den Kindern läuft? Denn der Brief der Gymnasiastin klingt ganz anders. Die Studie sei nicht repräsentativ, räumen Elternkammer-Vertreter ein. Technikorientierte Eltern aus den bildungsmäßig gut versorgten wohlhabenden bürgerlichen Stadtteilen seien überrepräsentiert, Eltern von Stadtteilschulen und von „Schulen, die in sozial belasteten Milieus liegen, unterrepräsentiert.“ Auch falle die Betreuung durch die Lehrkräfte recht unterschiedlich aus: „Einige machen das vorbildlich, andere verteilen ausschließlich Arbeitszettel als Dateien“, sagt der Elternkammer-Vorsitzende Marc Keynejad.
Die Wilhelmsburger Schülerin hat inzwischen eigene Ideen, wie man die Situation verbessern könnte: „Ich glaube, dass die Lehrer das Gespräch mit ihren Schülern suchen und gezielt Fragen sollten, wie es ihnen zurzeit geht und wo genau der Schuh drückt.“ Zum Beispiel im direkten Gespräch per Telefon oder Video-Chat.

Der Hilferuf von Dilara P.
Hallo Herr l., ich schreibe Ihnen gerade diese E-Mail, da ich ihren Rat als mein Tutor brauche. Mich deprimiert die momentane Lage extrem, vor allem als ich erfahren habe, dass dies bis zum 04. Mai andauern wird.
Ich versuche als organisierte, zielorientierte und ehrgeizige Person nicht den Überblick zu verlieren, aber ich versinke förmlich in Aufgaben. (…) Ich vergesse teilweise Aufgaben, die wir zugestellt bekommen haben, da mein Postfach überhaupt nichtmehr überschaubar ist. Vor lauter Padlet links, Kahoot Codes und Klausurersatzleistungen und vor allem durch den ganzen Druck habe ich die Kontrolle verloren. (…) Doch mir bleibt nichts anderes übrig, als bis teilweise 3:00 Uhr übermüdet am Schreibtisch zu sitzen und irgendwie zu versuchen die Aufgaben so zu erledigen, dass alle Lehrer zufriedengestellt sind und ich meine Ziele erreiche. Doch ich habe keine Kraft mehr! (…)
Außerdem ist es nicht nur der schulische Stress, den wir als Schüler/innen haben. Ich lebe in einem Haushalt, wo meine Eltern stets arbeiten und ich auf meinen Bruder aufpassen muss und ihm behilflich bei seinen Problemen bin. Mein Vater arbeitet ebenfalls von Zuhause aus und es kommt häufig vor, dass unser Drucker besetzt ist, oder unser Wlan nicht immer funktionstüchtig ist. Außerdem hat jeder seine Aufgaben und Pflichten, die er Zuhause erledigen muss, da können Sie als Familienvater bestimmt nachvollziehen was ich meine!
Ich versuche mich ebenfalls in die Lage von Schülern zu versetzten, die sich ein Zimmer mit mehreren Geschwistern teilen und nur Zugriff auf einen Laptop haben und eventuell auf engem Raum mit der gesamten Familie zusammenleben. In solchen Momenten bin ich froh, das Privileg zu haben ein eigenes Zimmer zu besitzen, einen eigenen Laptop und einen Garten zu haben, wo ich nebenbei das Wetter genießen kann. Ich frage mich echt wie ich das machen müsste mit mehreren Geschwistern und nur einem Laptop! Ich habe den größten Respekt für alle Schüler, die auch dies schaffen. (…)
Ich glaube, dass die Lehrer das Gespräch mit ihren SuS suchen sollten und gezielt Fragen sollten wie es ihnen zurzeit geht und wo genau der Schuh drückt. (…) Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht die einzige bin, die total überfordert ist, aber wahrscheinlich die einzige bin, die ihr Anliegen so ausführlich darstellt! Ich denke es wäre von Vorteil, wenn wir als Profil nochmal per Video-Chat miteinander kommunizieren und jeder persönliche Anliegen, Probleme ausspricht! (…)

Mit freundlichen Grüßen
Dilara P.

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