Direktimport im Kaffeesack. Foto: Stahlpress
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Die Hamburger Rösterei Quijote verschenkt die braune Bohne an medizinische und soziale Einrichtungen

Volker Stahl, Hamburg

 

Sie gehört neben Klopapier-Produzenten, Mundschutz-Herstellern, Lieferdiensten und Paketzustellern zu den Gewinnern der Coronakrise: die Hamburger Kaffeerösterei „Quijote“. Weil das kleine Unternehmen nicht die Bohne an Rendite interessiert ist, verschenkt es jetzt pfundweise Kaffee als Dankeschön an Menschen, die – wie es neudeutsch heißt – in „systemrelevanten Berufen“ tätig sind.

Bisher hat das kleine Unternehmen mit Sitz in Rothenburgsort 300 ein bis zehn Kilogramm schwere Pakete verschickt. Die Lieferungen gehen an Krankenhäuser, dort vor allem Intensivstationen, Rettungssanitäter, Pflegeheime, aber auch an soziale Einrichtungen, Frauenhäuser und gestresste Fahrer von Paketauslieferern.

Wir verstehen uns als Modellunternehmen, das nicht nur Geschäftszwecken dient

Andreas Felsen, Quijote-Gründer

„Die verbrauchen alle momentan deutlich mehr Kaffee“, weiß Quijote-Gründer Andreas Felsen, der von seinen Kolleginnen und Kollegen „Pingo“ gerufen wird. Während der Einzelhandel derzeit besonders an den Schutzmaßnahmen vor dem Virus leidet, boomt der Online-Vertrieb von Lebensmitteln, besonders Kaffee. In normalen Zeiten macht das Quijote-Kollektiv 15 bis 20 Prozent seines Umsatzes mit der Gastronomie, 20 Prozent mit Business-Unternehmen und den Rest mit Endverbrauchern. Den Wegfall der Profibesteller durch die Geschäftsschließungen habe Quijote „mehr als kompensiert“, erzählt Pingo: „Wir verzeichnen einen enormen Zuwachs bei den Privatbestellungen.“ 90 Prozent der Kunden seien derzeit Endverbraucher.

Das bringt viel Kleinarbeit mit sich, denn die bis zu drei Kilo schweren Pakete müssen alle einzeln verpackt werden. Um den Mehraufwand zu bewältigen, hat das Unternehmen drei zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt – Arbeitslose, die vorher im Gastrogewerbe tätig waren. „So können wir die zahlreichen Aufträge gemütlich abarbeiten“, sagt Pingo.

Seit dem Corona-Ausbruch rollt der Rubel bei Quijote. Und davon sollen nicht nur die zehn Festangestellten des „Kollektivs ohne Gewinnabsicht“ profitieren, das jedem Genossen rund 4.000 Euro brutto monatlich auszahlt. „Wenn wir mehr Geld als zur Kostendeckung nötig einnehmen, dann unterstützen wir damit normalerweise Bauernkollektive, von denen wir unseren Kaffee beziehen“, erzählt Pingo. „In der aktuellen Situation haben wir uns aber für eine solidarische Aktion vor Ort entschieden, die mehr bewirkt als das Klatschen auf Balkonen.“ Die Aktion hat mittlerweile Nachahmer gefunden. Auch die Flying Roasters in Berlin und eine weitere Rösterei in Bremen verschenken jetzt Kaffee.

Deren Hamburger Kollegen wollen ihre Aktion solange laufen lassen, wie sie sich es leisten können.

„Wir verstehen uns als Modellunternehmen, das nicht nur Geschäftszwecken dient“, erklärt Pingo die Mission der Vorkämpfer für eine solidarische Gesellschaft. Wegen ihrer Firmenphilosophie eilt den Röster von Quijote nicht nur in Branchenkreisen der Ruf der „Kaffeekommunisten“ voraus.

Kaffeekommunisten auf einen Blick: das Team von Quijote.
Foto: Stahlpress

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