Vom geschlossenen Elbschloss Keller aus organisiert Inhaber Daniel Schmidt (kniend, ohne Maske) mit zahlreichen Helfern die Unterstützung für Obdachlose und Hilfsbedürftige auf St. Pauli. Foto: Reinhard Schwarz / stahlpress medienbüro
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Initiative um den Elbschlosskeller unterstützt Obdachlose und andere Hilfsbedürftige auf dem Kiez

Von Reinhard Schwarz, St. Pauli

Die Coronakrise hat die Obdachlosen auf dem „Kiez“ kalt erwischt. Viele Hilfsprojekte wie etwa die Alimaus am nahegelegenen Nobistor haben geschlossen. Ebenso das Café mit Herz im ehemaligen Hafenkrankenhaus, dessen ehrenamtliche Mitarbeiter immerhin Lunch-Pakete durch ein Fenster hinausreichen. „Die Stimmung? Die ist momentan scheiße. Ich wünsche mir, dass das mit der Corona bald vorbei ist. Alles geht kaputt.“ Es sind die ersten warmen Frühlingstage, Markus Mühlbacher steht mit freiem Oberkörper in einer Seitenstraße der Reeperbahn und lässt Dampf ab. Seit zwei Jahren ist der 51-Jährige ohne Wohnung, er gehört zu den Obdachlosen, die am Rande der Reeperbahn nächtigen.

Einige haben die Decke über den Kopf gezogen, lagern neben einem geschlossenen Schnellrestaurant. Dort, wo selbst tagsüber noch Tausende flanieren, verirren sich gerade mal ein paar dutzend Touristen auf die „geile Meile“. Restaurants,
Discos, Theater und Cafés sind dicht. „Die Laufkundschaft fällt weg“, resümiert Mühlbacher mit rauer Stimme. Denn Touristen werfen, wenn sie in Spendierlaune sind, schon mal einen Euro oder mehr in die bereit gestellten Becher. Und manche suchen das Gespräch mit den am Straßenrand Lagernden – wichtige Sozialkontakte für Menschen, die sich schon optisch ausgegrenzt fühlen. „Wir liegen auf der Straße, die gucken uns an, dabei sind wir auch Menschen wie die“, empört sich der 51-Jährige.

Der Kiez hilft sich
auch in dieser Krise selber

Immerhin: Der Kiez hilft sich selbst. Eine vielfältige private Hilfsaktion ist mittlerweile angelaufen. Im Mittelpunkt steht Daniel Schmidt, Inhaber des legendären „Elbschloss Keller“. Zum ersten Mal seit 70 Jahren musste die berühmt-berüchtigte Absturzkneipe schließen. Hier treffen sich sonst rund um die Uhr viele, die irgendwann den Absprung verpasst haben, die Trost im Alkohol suchen.

„Wer, wenn nicht wir“ heißt das Projekt, in dessen Zentrum der „Elbschloss Keller“ steht, der nun mit Brettern verrammelt ist. Einmal am Tag geben ehrenamtliche Helferinnen und Helfer an der Tür ein Essen aus. Für Hungrige gibt es außer der Reihe „Sandwiches to go“.
Ein „Bedürftigen-Transport“ bringt Lunch-Pakete zu Menschen, die nicht mehr aus ihrer Wohnung kommen können. „Die bekommen die Kiste vor die Tür gestellt“, schildert Daniel Schmidt. Nicht alle Hilfsbedürftigen auf St. Pauli leben auf der Straße.

Die Armut findet wie anderswo auch oftmals hinter verschlossenen Türen statt. „Jeder opfert seine Freizeit“, erläutert Daniel Schmidt die Privatinitiative, „hier arbeiten Menschen aus sieben Nationen zusammen.“

Auch Tüten mit Hygieneartikeln werden verteilt. Ein zweites Fahrzeug bringt Obdachlose oder Menschen mit Beeinträchtigungen zum St. Pauli Schwimmbad.

Jeweils montags, mittwochs und sonnabends können hier Obdachlose und andere Bedürftige jeweils ein halbe Stunde lang duschen. Was wünscht sich Markus Mühlbacher? Er würde gerne mal wieder eine Nacht in einem richtigen Bett schlafen: „Das jemand vorbei kommt und sagt: ‚Ich habe ein Bett zum Schlafen‘.“

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