Im Garten: Für das mit Teleobjektiv aufgenommene Bild hat Andreas Böhle seinen Mundschutz abgenommen. Foto: Frederika Hoffmann
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Von Frederika Hoffmann. Was macht ein engagierter Eimsbütteler wie Andreas Böhle jetzt? Normalerweise arbeitet er als festes Teammitglied im Kreativhaus Eimsbüttel. Das nachbarschaftlich organisierte Haus in der Telemannstraße ist momentan geschlossen. Ebenso wie das Tauschhaus im Stellinger Weg, das Böhle wie seinen Augapfel hütet. Das fällt ihm zu folgenden Stichworten ein.

Tagesstruktur: Es ist wichtig eine Tagesstruktur zu haben. Dazu gehören bestimmte Essenszeiten, auf die man sich freuen kann. Ein Vorteil der Coronaphase ist das gemeinsame Kochen mit meiner Frau, einfach weil ich mehr Zeit habe. Es ist wie Urlaub zurzeit. Im positiven Sinne. Ich spüre momentan keinen Druck Termine wahrzunehmen. Kann mehr lesen, Radio hören, mich unterhalten. Wichtig sind mir die täglichen Telefonate mit Freunden und Bekannten, von denen ich weiß, dass sie sich einsam fühlen.

Fitness: Normalerweise bin ich zweimal pro Woche im Fitnesscenter. Das fehlt mir sehr, denn zu Hause diese Übungen zu machen, online oder über den Fernseher – das kriege ich nicht hin. Mit einem Schmunzeln lese ich in der Zeitung, dass Männer auf einmal gerne Müll runtertragen, damit sie wenigstens einmal pro Tag aus der Wohnung kommen. Ich bin froh, dass ich das Gründreieck mit den Beeten und den wundervollen Kirschbäumen an der Wiesenstraße/Ecke Heussweg zu pflegen habe. Es ist eine willkommene Muskelübung, zwölf Wasserkannen über 250 Meter zu bewegen und dann die Blumen zu gießen. Das merke ich hinterher. Gießkannen stemmen statt Hanteltraining.
Meine Frau und ich versuchen jeden Tag eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Was bei dem schönen Wetter naheliegend ist. Das ist aber nicht ungefährlich, weil derartig viel los ist, speziell Leute mit Hunden und kleine Kinder springen oft unkalkulierbar über die Wege. Gestern sind wir von hier durch die Kleingärten ins Niendorfer Gehege und dann bis kurz vor Bönningstedt geradelt. Das waren 25 bis 30 Kilometer.

Freizeit: Mein geliebtes Café Strauss ist leider dicht, wo man sich im Garten die Sonne auf den Pelz scheinen lassen konnte. Eine ganz furchtbare Einschränkung. Auch die wenigen Bänke im Viertel sind meistens belegt. Das erschwert das Sitzen im Freien für mein Hobby Menschen-Gucken. Meine Skat- und Doppelkopfrunden finden zurzeit leider auch nicht mehr statt. Aber wir versuchen eine Online-Version für Doppelkopf zu installieren.
Mundschutz: Natürlich achte ich auf den Mindestabstand. Die Sicherheitsmaßnahmen nehme ich ernst. Wann immer ich unter Menschen komme, beim Einkaufen, in der U-Bahn, beim Arztbesuch trage ich Maske. Auf der Straße und beim Fahrradfahren nicht. Eine Nachbarin hat mir freundlicherweise aus ihrer Praxis welche vermacht. Über „Masken für alle“ auf nebenan.de habe ich weitere bestellt und neuerdings verkauft ein junges Mädchen vor der U-Bahn Osterstraße selbstgenähte Masken. Da habe ich gleich eine geblümte und eine mit Punkten gekauft.

Tauschhaus: Das Tauschhaus musste zwar wegen der nicht einzuhaltenden Abstandsregel mit Lochbrettern vernagelt werden, sodass das gewohnte Geben und Nehmen nicht stattfinden kann, aber wir haben eine Aussparung für Bücher gelassen. Wir wollen den Eimsbüttelern ermöglichen, weiterhin kostenfrei Bücher zu bekommen. Es wird zurzeit viel gelesen. Täglich kommen 100 bis 200 neue Bücher rein und die gleiche Zahl geht auch weg. Es ist beeindruckend. Lehrbücher, Romane, Krimis, politische Bücher, Kinderbücher – wie eine kleine Bibliothek. Einmal täglich ordnen wir die Bücher und räumen den unerwünscht abgestellten Müll weg.

Kreativhaus: Auch im Kreativhaus kann man nicht zusammenkommen. Ich werde die Ruhephase nutzen, um das gespendete Werkzeug zu sichten, zu sortieren und an die Werkzeugwand im Stadtteilwohnzimmer anzubringen. Das ist eine der nächsten Aufgaben.

Hofgesang: Unser abendliches Singen ist zu einem schönen Ritual geworden. Eine Nachbarin hatte die Idee dazu, angeregt durch die Initiative der Nordkirche „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. Kurz vor 19 Uhr werden Fenster und Balkontüren um unseren idyllischen Hinterhof herum geöffnet. Die Nachbarn erscheinen mit ihren Liedermappen. Üblicherweise starten wir mit dem Canon „Dona nobis pacem“. Manchmal klingt der Gesang etwas ruppelig, weil nicht alle die Lieder kennen. Dann entscheiden wir spontan. Gestern fand „Hey Joe“ von Joe Cocker keine Zustimmung, weil zu sehr Ohrwurm. Dafür aber „Auld Lang Syne“, das Brexit-Lied, dass in der Nacht des EU-Austritts gesungen wurde. Und am Ende singen wir „Abendstille überall“. Der Hof ist wie ein Dorf. Es ist ein sehr freundschaftliches Miteinander. Wir helfen uns gegenseitig. Ich freu mich schon darauf, möglichst bald wieder zusammen zu sitzen und ein Glas Wein zu trinken.

❱❱ www.kreativhauseimsbuettel.de

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