Freigelegt: eine von vier Treppen auf dem Grundstück. Foto: ch
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Kolumne: Wie unsere Autorin alleine im Baskenland ausharrt – Teil zwei

Von Christiane Handke-Schuller, Saint-Pee-sur-Nivelle

So ist die Lage: Mein Mann und meine Familie sind in Deutschland. Ich allein in einem alten Haus auf dem Land im äußersten Südwesten Frankreichs. Die Grenzen sind dicht. Meine Lieben können nicht zu mir.

Als deutsche Staatsbürgerin könnte ich nach Hause, nach Hamburg fahren. Ich, über 60, habe auf meine Hausärztin gehört, die mir riet hier zu bleiben. Zum Glück habe ich den Garten. Monsieur Sanceo, 2015 verstorben, hat auf 5.000 Quadratmeter einen Garten angelegt, der schon damals wie aus einem LSD-Trip gewirkt haben muss: Zypressen, 30 Meter hohe Libanon-Zedern, Orangenbäume und amerikanische Eichen stehen dicht an dicht neben- hinter- und voreinander.

Es blühen gleichzeitig in den wildesten Farben: Besenginster, Kamelien, Rosen und Päonien, Glyzinien, Azaleen, Rhododendron und Flieder. Die Hortensienhecken sind zwei Meter hoch, der Oleander misst drei Meter. Der Pampelmusenbaum und die Walderdbeeren tragen Früchte und blühen gleichzeitig. Inzwischen, nach fünf Jahren ohne jeden Eingriff, ist der Garten ein Urwald: Jede Pflanze kämpft mit ihren Nachbarn um Licht und alle zusammen kämpfen sie gegen die Brombeeren. Die haben in den vergangenen fünf Jahren zwei Schuppen unter sich begraben, sind aufs Hausdach unter die Pfannen gekrochen und haben große Teile des Gartens unpassierbar gemacht. Nach und nach arbeite ich mich mit furchterregenden Geräten vor, Sägen und motorisierten Heckenscheren. Nie vorher habe ich solche Teile in der Hand gehabt.

Jeden Tag mache ich neue Entdeckungen: Monsieur Sanceo liebte es, Treppen zu bauen und war richtig gut darin. Bis jetzt habe ich auf dem abschüssigen Gelände vier Treppen unter den Brombeeren gefunden. Aber ich habe auch entdeckt, wo die Familie ihre Abfälle entsorgt hat – vom Plastikeimer bis zum ausrangierten Besteck liegt alles am Zaun zur Schafweide nebenan. Einiges kann ich gut gebrauchen.

Sehr nah fühlte ich mich dem verstorbenen Herrn Sanceo, als ich in einem Pflanzkübel auf seine Lesebrille stieß. Wie lange er wohl nach der gesucht haben mag?

Das Haus und ich, wir mögen uns inzwischen. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig, denn wir müssen zusammenbleiben. In Frankreich herrscht Ausgangssperre. Nur für das Allernötigste darf man sein Zuhause verlassen. Um zum Arzt zu gehen. Oder zur Arbeitsstelle, falls man kein Homeoffice macht. Oder um Lebensnotweniges einzukaufen. Und für das alles braucht man den Passierschein- ohne seinen Passierschein darf man auf keinen Fall einen Schritt aus dem Haus machen. Das Formular gibt es im Internet, man druckt es aus oder schreibt es ab. Und füllt es aus: Wer man ist. Woher man kommt, Wohin man will. Um welche Uhrzeit man losgegangen oder losgefahren ist.

Wehe, man wird mehr als einen Kilometer vom Zuhause angetroffen.
Wehe, man hat keinen triftigen Grund für die Fahrt.

Und wehe, wehe, man wird ohne Passierschein erwischt! Die Bußgelder werden ständig hochgesetzt – Wiederholungstäter müssen inzwischen 3.750 Euro zahlen, ein halbes Jahr in Haft und gemeinnützige Arbeit verrichten – alles zusammen, wohlgemerkt, nicht entweder oder!

Ich habe auf meinen Wegen allerdings noch nicht einen einzigen Polizisten gesehen. Dabei liegt die Gendarmerie auf dem Weg zum Supermarkt.

 

Beim Einkaufen: Christiane Handke-Schuller zieht den Kopf ein und die Maske hoch. Foto: ch
Wilde Brombeeren überwucherten den Garten. Foto: ch

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