Gebetomat in der Moabiter Markthalle. Foto: Wikimedia/ Assenmacher
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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne von Oliver Lück

Letzte Woche habe ich einen Mann beobachtet, der sehr wütend war. Eine seiner Münzen hatte sich irgendwo in den Tiefen eines Getränkeautomaten verklemmt. Und als alles Drücken, Klopfen und selbst ein beeindruckendes Vokabular an Schimpfworten nicht helfen wollten, wurde er so richtig böse und trat zweimal sehr heftig und entschlossen gegen die „Scheißdreckskiste“. Maschinen können Menschen zu Tieren machen. Und jeder, der ein bisschen Kleingeld in einen Automaten schmeißt, kauft das Recht auf Wut gleich mit. So sind die Regeln.

Erinnern Sie sich an die Kaugummiautomaten Ihrer Kindheit? Für zehn Pfennig bekam man steinharte Kaumasse und hoffte, dass niemand in die Ausgabeklappe gespuckt hatte. Fast immer konnte man neben den bunten Zuckerkugeln auch kleine Spielzeuge bekommen. Ich weiß noch, wie ich Groschen auf Bahngleise legte und mit den plattgewalzten, leicht verbogenen Münzen, die sich im Automaten verklemmten, so viele Kaugummis herausdrehen konnte, wie ich wollte.

Heute gibt es Automaten für alles. Für Eiswürfel. Für Eier. Für Grablichter und Krawatten. Für Fahrradschläuche und Regenschirme. In Bibliotheken kann man sich Ohrstöpsel ziehen. In Paris Obst und Gemüse. In jedem belgischen Dorf frisches Brot. In einer katholischen Kirche in Hamburg gibt es die Bet-Box, ein Automat für Rosenkränze. Und ein Berliner Künstler hat einen Passbildautomaten zu einem Gebetomat umgebaut: Fünf Minuten Gebet vom Band für 50 Cent. Es kann zwischen vielen Religionen und 65 Sprachen gewählt werden.

Und in Zeil am Main, einem idyllischen Weinstädtchen in Unterfranken, überrascht ein gutbürgerlicher Gasthof mit seinen vollautomatischen Angeboten auf dem Herrenklo: Neben den handelsüblichen Tutti Frutti Kondomen in allen Farben und Geschmacksrichtungen sind auch Sex Gags für 1 x 2 Euro zu bekommen. Oder: Travel Pussy. Die künstliche Vagina für unterwegs. Für nur 2 x 2 Euro. Und längst weiß ich: So ein Automat kann ein gutes Geschäftsmodell sein, wenn man ihn denn an den richtigen Ort stellt.

 

Oliver Lück

ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

 

 

 

 

 

 

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

 

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