Fünf Jahre stand das Haus leer.
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Von Christiane Handke-Schuller, Saint-Pee-sur-Nivelle. So hatten wir das nicht geplant. Fünf Jahre lang haben wir ein Sommerhaus in Frankreich gesucht. Ende letzten Jahres gefunden. Am 26. Februar 2020 den Kaufvertrag unterschrieben. Und jetzt – Corona!

Die Lage: Mein Mann und meine Familie in Deutschland. Ich allein in einem alten Haus auf dem Land im äußersten Südwesten Frankreichs. Die Grenzen sind dicht. Meine Lieben können nicht zu mir.

Als deutsche Staatsbürgerin könnte ich nach Hause, nach Hamburg fahren. Ich, über 60, habe auf meine Hausärztin gehört: „Bleiben Sie, wo Sie sind – eine Fahrt durch halb Europa zurück in den Norden birgt mehr Risiken als einfach dazubleiben.“

Bäder aus den Siebzigern gewinnen an Charme

Die Krankenhäuser hier vor Ort in Bayonne und Pau haben leere Betten und nehmen Corona-Patienten aus Paris und dem schwer betroffenen Nordosten Frankreichs auf. Unsere Region, das Pays Basque, eine Region mit rund 300.000 Einwohnern, hat bisher „nur“ zehn Tote zu beklagen. Wie viele Menschen infiziert sind? Das weiß kein Mensch. Die Zahlen sind unzuverlässig, weil nur getestet wird, wer mit schwerwiegenden Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert wird oder beruflich mit Kranken zu tun hat.

Sollte ich mich krank fühlen, rufe ich den nächstgelegenen Arzt an und schildere meine Symptome. Er sagt entweder: „Ich schwöre, es ist nur eine Erkältung!“ – wie er es meinem Freund Pierre sagte. Oder er meint: „Ja, hört sich nach Corona an, gehen Sie 14 Tage nicht aus dem Haus“. Worauf ich mache, was ich bisher gemacht habe: Ich gehe nicht aus dem Haus. Sollte ich zu Hause feststellen, dass ich keine Luft mehr kriege, rufe ich die 15 an. Falls ich am Telefon – hoffentlich – durchkomme, kommt – hoffentlich – ein Krankenwagen und bringt mich ins Hospital, wo – hoffentlich – immer noch genug Platz ist.

Was mich beunruhigt: Deutschland zählt heute, am 2. April, knapp 78.000 Infizierte und unter 1.000 Corona-Tote. Frankreich hat offiziell 20.000 Infizierte weniger als Deutschland, beklagt aber schon mehr als 4.000 Tote. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass der frappierende Unterschied an den Tests und an der Zählweise liegt – und nicht daran, dass Deutschland das bessere Gesundheitssystem hat.

Aber ich bin gesund, toi toi toi. Und ich habe Glück. Wem passiert es schon, auf solch abenteuerlich schöne Art gestrandet zu sein? Klar, das Haus ist alt, seit fünf Jahren hat niemand mehr darin gelebt. Die Klos geben ohne akuten Anlass Geruchsexplosionen von sich, die darauf schließen lassen, dass die Sickergrube nicht mehr lange mitmacht. Die Ölheizung von 1979 läuft, und das ist auch nötig. Es wird kalt am Abend. Wenn die Heizung anspringt, glaubt man allerdings, ein Flugzeug hebt ab – es riecht auch so. Aus den Hähnen kommt das Wasser entweder eiskalt oder kochend. Der Schlaf auf einer alten Matratze ist nicht besonders erfrischend, und an die Totenstille vor dem Fenster und das Knacken im Gebälk musste ich mich erst gewöhnen.

Wenn es regnet, läuft die Garage voll Wasser, und aus den Regenrinnen fallen Sturzbäche.
Der Herd funktioniert: Ich habe entdeckt, dass er angeschlossen ist an eine Gasflasche, die draußen vor der Küche steht; von dort geht ein Schlauch durch ein Loch in der Wand zum Herd. Die Spinnen im Haus sind groß und schwarz, haben haarige Beine und können springen. Ich bewohne die Zimmer, die am wenigsten nach Schimmel riechen. Eigentlich sollte das Haus in diesen Tagen saniert werden – dank Corona wird da so schnell nichts draus. Es hat den Vorteil, dass ich merke: Auch so kann ich hier leben. Und was ich noch vor zwei Wochen hässlich fand – die Bäder aus den späten Siebzigern! – gewinnt mit jedem Tag an Charme. Hauptsache, das Haus funktioniert! Meine Umbaupläne werden von Tag zu Tag preisgünstiger.

3 KOMMENTARE

  1. Was ein schöner Artikel! Hoffentlich darf ich das Haus auch irgendwann „genießen“?! Die springenden Spinnen finde ich besonders reizvoll.

  2. Ja ,wie schön die Beschreibung der Lage um Corona im Baskenland. Umgeben von schwarzen Spinnen im Haus und bewacht von wilden Schaafen und Kuhantilopen. Getränkt im Riocha kredenzt mit Ziegenkäse , ach wer würde nicht so stranden wollen?
    Falls das Internet noch funktioniert und die Sickergrube mitmacht.
    Nur….. wenn der Gatte nicht fehlen würde.

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