Sich gaaanz lang machen: Die Übungen von Anleiterin Sibylle Gleich (r.) zielen großenteils darauf ab, die momentane häusliche Enge aus den Gliedern zu vertreiben. Foto: cvs
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Im Innenhof zwischen den Häusern Kleiner Schäferkamp 19 und 21 am Sternschanzenpark tut sich seit Anfang vergangener Woche Erstaunliches: Jeden Morgen um 9 Uhr und jeden Abend um 18 Uhr treten Männer und Frauen aller Altersgruppen auf ihre Balkone, streifen sich Jogginghose und Turnschuhe über und beginnen mit Aufwärmübungen. Auch auf dem Rasen haben sich inzwischen einige Anwohner eingefunden, die ihre die Hüfte kreisen lassen und sich in verschiedenen Tai-Chi-Posen ausprobieren – all das mit einem Mindestabstand von zwei Metern.

„Vorturnerin“ und Anleiterin der Aktion ist Sibylle Gleich, Hapkido- und Yogalehrerin aus St. Pauli. Aufgrund der staatlichen Schließungsverfügung kann sie im Moment keine Kurse anbieten. „Eine 82-jährige Yogaschülerin von mir hat das sehr bedauert und mich gefragt, ob wir das Training nicht vor ihrem Haus fortsetzen können“, erzählt Gleich. Sie habe sofort zugestimmt, weil die Idee eine tolle Möglichkeit böte, sich auch in Coronazeiten weiterhin sportlich zu betätigen. Aus einer Schülerin wurden allerdings schnell ganz viele. „Tag für Tag sind immer mehr Balkontüren aufgegangen, und die Leute haben mittrainiert“, freut sich Sibylle Gleich.

Bis zu 25 Schüler – vom Schulkind bis zum Senior – hat sie schon gezählt. „Ist doch toll, wenn man den Spaß an der Sache auf Weise weitervermitteln kann.“ Anwohnerin Frauke Höbermann gehört mit ihren 78 Jahren zu den älteren Teilnehmern. „Als Gemeinschaftsaktion an der frischen Luft finde ich das eine großartige Sache“, sagt Höbermann. „Es ist ja sonst alles lahmgelegt.“

Für Trainerin Gleich bietet das öffentliche Training gleichzeitig eine Chance, ihr (gemeinschaftlich betriebenes) Studio bekannter zu machen. Rund zehn bis 15 Lehrer beschäftigt das „St. Pauli Dojang“ in der Seewartenstraße – alle arbeiten ehrenamtlich. Finanzielle Lücken entstehen jedoch durch Miete und Nebenkosten. „Wir appellieren an unsere Mitglieder, uns nicht im Stich zu lassen und die monatlichen Beiträge weiter zu zahlen“, sagt sie. Existenzbedrohend ist die Krise für Sibylle Gleich (noch) nicht, da sie hauptberuflich als Sozialpädagogin aktiv ist. „Dort können wir im Home Office weiterarbeiten“, berichtet sie.

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