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Neues vom Nachbarn – Wochenblatt Kolumne

Von Oliver Lück

Seit über 15 Jahren nun schon begegne ich immer wieder einem Mann, der ständig unterwegs ist, aber nie ankommt. Klaus fährt Fahrrad. Quer durch Europa. Manchmal auch durch Hamburg. Und die Welt, so wie sie Klaus sieht, ist sehr bunt und sehr weich. Aber eigentlich ist es gar nicht die Welt, die so bunt und weich ist, es sind bloß die vielen Schmusepuppen, die er immer und überall bei sich hat. Und vor allem das Leben selbst ist so gar nicht bunt und weich, sondern eher schwierig und extrem hart.

Seit bald 60 Jahren lebt Klaus auf der Straße. Er besitzt nicht viel mehr als sein Fahrrad und einen Anhänger voller Schmusepuppen. Dazu ein Zelt, einen Kocher, Schlafsack, Klamotten und Proviant. Da kommt schnell was zusammen. Etwa 200 Kuscheltiere begleiten ihn immer – viele Bären, einige Affen, Zwerge, Mäuse, Esel, Elefanten, Hunde.

Täglich bekommt er neue geschenkt, von Menschen, die durch den bunten Haufen angelockt werden. Regelmäßig hupen und winken ihm Autofahrer, dann reißen sie die Glücksbringer von ihren Rückspiegeln, kurbeln die Fenster runter und schmeißen sie ihm vor die Füße auf den Asphalt. Und selbst Kinder trennen sich bereitwillig von ihren Lieblingen und rufen: „Hallo, Herr Kuscheltiermann, dieser Bär fehlt dir noch in deiner Sammlung!“

Wo immer Klaus mit seinen farbenfrohen Begleitern auftaucht, wird er zur Attraktion. Und er lebt davon, dass er sie weitergibt, denn immer bekommt er auch ein paar Euro dafür. „Ich bettle nicht“, sagt er, „ich tausche. Das klingt auch besser.“ Sicher 20.000 Stück, schätzt er, sind schon durch seine Hände gegangen. Und jeder Tausch gilt für ihn als kleiner Triumph, als Anerkennung, als Bestätigung für seine Art zu leben. Und man könnte auch sagen, dass die Kuscheltiere vieles zusammengehalten haben in seiner Welt. Dass sie in gewisser Weise zu seiner Familie geworden sind. „Ich spreche auch mit denen“, sagt Klaus, „und die Stoffpuppen und Plüschtiere sprechen mit mir. Sie kennen viele Geschichten. Alle eine andere.“

Klaus ist schon ziemlich weit herumgekommen. „Dreimal um die Erde bestimmt“, schätzt er. Sicher 50 Räder hat er mit den Jahren verschlissen. Halb Europa hat er gesehen. Er sagt: „Mein Leben finde ich unterwegs.“ Landkarten oder Straßenpläne hat er noch nie gebraucht: „Ich weiß ja nie, wo ich hin will, also kann ich mich auch nicht verfahren.“

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