en Blick nach vorn gerichtet, umgeben von tosenden Wellen und qualmenden Schloten: die Altonia, Symbol des Fortschritts und des Patriotismus‘. repro: Altonaer Stadtarchiv/Wolfgang Vacano
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Von Reinhard Schwarz. Sie war die Schutzgöttin: „Altonia“. Den Blick entschlossen nach vorn gerichtet hält sie ein Banner, während ihr eigentlich zu kleines Boot von Wellen umtost wird. Dicht hinter ihr nähert sich bedrohlich ein Dampfer, auf dem Festland rauchen die Schlote. Geschaffen wurde das Gemälde im Jahr 1900. Gemalt wurde es von Otto Marcus (1863-1952). Zu sehen ist es heute im Altonaer Museum, davor hing es im Altonaer Rathaus. Warum huldigten die Altonaer einer offensichtlich erfundenen Frauenfigur? „Die Altonia hatte offenbar ein Identität stiftende Funktion“, sagt Stadtarchivar Wolfgang Vacano.

Fahne des Bürgervereins huldigt der „Antonia“

Die Frauengestalt erinnert nicht zufällig an die Figur der revolutionären „La Liberté“, die in dem berühmten Gemälde von Eugène Delacroix mit entblößtem Busen und der französischen Tricolore in die Schlacht zieht. Denn Otto Marcus war nicht nur seit 1884 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, die sich später in SPD umbenannte, er arbeitete auch als Illustrator des Verlages von Johann Heinrich Wilhelm Dietz, der sozialdemokratische – und damals noch aufrührerische – Schriften verlegte. Doch könnte auch die Figur der um 1848 entstandenen „Germania“ als Vorbild gedient haben. Mit Schwert in der einen Hand und schwarz-rot-goldener Fahne in der anderen symbolisierte sie die zu schaffende Einheit des damals noch in zahlreiche Kleinstaaten zersplitterten Deutschlands.

Wie Hamburger die „Hammonia“ schufen, so „erfanden“ die Altonaer die „Altonia“ als Sinnbild des Fortschritts und des Patriotismus. Der Schutzgöttin wird auch auf einem Banner eines Gesangsvereins „Altonia“ gehuldigt. Die Fahne befindet sich im Besitz des Stadtarchivs, so Vacano. „Das Banner gehörte vorher dem Altonaer Bürgerverein von 1848.“ Wie der Bürgerverein in den Besitz der Fahne mit der Aufschrift „1886 / 1888“ gelangte, ist unklar. Vacano selbst war 20 Jahre Vorsitzender des Bürgervereins. „Altona war keine Kulturstadt wie Hamburg, sondern ein Fischerdorf mit einer Fischindustrie.“ Dies reichte wohl manchem Altonaer Bürger in einer Zeit der Industrialisierung und des aufkommenden Nationalismus nicht zur Identifikation.

So wurde auch noch eine patriotische Hymne geschaffen: das „Altonen-Lied“. Zitat: „Uns‘re Zukunft die liegt auf weiter, weiter See.“ Vacano: „Man wollte dem Mangel abhelfen und hat das Lied geschaffen, das dann an der Seefahrtsschule weitergegeben wurde.“ Die Seefahrtsschule befand sich übrigens an der Großen Bergstraße. Altona gehörte in einem seit 1871 von oben vereinigten Deutschland zum militärisch hochgerüsteten Preußen. Der Altonia-Kult trieb einige Blüten. So befinden sich am Eingang zum Altonaer Rathaus gleich drei Köpfe der Schutzgöttin. Möglicherweise spielte auch die griechische Mythologie, die im Kaiserreich sehr en vogue war, eine gewisse Rolle bei der Erschaffung der Frauenfigur, mutmaßt Vacano. Das zeige sich auch am Stuhlmannbrunnen auf dem Platz der Republik mit seinen Zentauren – halb Mensch, halb Pferd.

❱❱ Altonaer Stadtarchiv, Max-Brauer-Allee 134
(über Seiteneingang Hospitalstraße),
Tel. 50 74 72 24, E-Mail: kontakt@altonaer-stadtarchiv.de
www.altonaer-stadtarchiv.com
Mo-Fr von 10-16 Uhr (nur nach Voranmeldung).

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