Straßenmusiker in San Sebastian.
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Einmal, das ist jetzt auch schon wieder 24 Jahre her, lernte ich einen Mann kennen, der prominent war, es aber gar nicht sein wollte. Er lebte als Straßenmusiker. Wir trafen uns in einer der großartigsten Städte Europas: in San Sebastián. Paul war auf dem Vorplatz der Basílica de Santa María del Coro auf ein kleines Podest gestiegen, das in diesem Augenblick zur größten Bühne wurde. Die Passanten sahen und hörten ihn schon Weitem.

Er sang Lieder in einer Sprache, die ich noch nie gehört hatte: auf Baskisch. Dazu spielte er ein Instrument, das ich noch nie gesehen hatte. Viele Menschen blieben stehen damals, an jenem Sonntag im September 1996. Sie lauschten den fremden, fast dudelsackartigen Klängen der Drehleier, die sich wie ein kleines Orchester anhörte.

Später unterhielten wir uns. Paul erzählte vom Reisen. Jeden Tag stand der Vater von vier Kindern in Fußgängerzonen, spielte auf seiner Drehleier und sang dazu. Und nur wenige Wochen später sollte ich ihn erneut treffen – dieses Mal in Porto. Ich lief gerade an einem Kiosk vorbei, und da sah ich Paul auf der Titelseite der BILD-Zeitung.

In großen Buchstaben stand dort: Der verlorene Sohn der Kelly Family. Ich las, dass Paul Mitte der 80er Jahre noch gemeinsam mit der schon damals weltberühmten Familie in der Pariser Metro aufgetreten war, dann aber die Band verlassen hatte, als ihm der Starrummel zu groß wurde. Er lernte Koch, reiste als Straßenmusiker durch Europa.

Warum ich das alles schreibe: Ich bin ihm schon wieder begegnet. Letzten Sonnabend. Am Abend schaltete ich den Fernseher ein. Es lief der Ausschnitt eines Konzertes der Kelly Family. Und auf der Bühne stand Paul. Ohne Holzschuhe, aber mit Drehleier. Der Bart etwas länger. Der Bauch etwas dicker. Ich musste etwas überlegen, bis ich darauf kam, wann und wo ich ihn schon einmal gesehen hatte. Vor 24 Jahren in den Gassen von San Sebastián. Und das war die kurze Geschichte von der dreifachen Begegnung mit dem verlorenen und wiedergefundenen Sohn der Kelly Family.

Oliver Lück (46) ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Oliver Lück
Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

Oliver Lück
Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

1 KOMMENTAR

  1. Ich habe heute das Elbe Wochenblatt in der Hand gehabt und amüsiert den „Lautsprecher“ gelesen. Der kleine Artikel von Herrn Lück hat mir gut gefallen. Nicht nur deshalb, sondern auch aus anderen zum Teil persönlichen Gründen, wäre es mir ein Bedürfnis Herrn Lück kennen zu lernen. Könnten sie mir diese Bitte erfüllen? Da ich weder über eine E-Mail Anschrift noch über eine Telefonnummer von ihm verfüge, bitte ich sie mir weiter zu helfen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Gerd Röben

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