Hans Christian Lied (r.) beim Interview mit Binnenhafen live-Mitarbeiter Andreas Göhring. Foto: mag
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Dieser Artikel stammt aus unserem aktuellen „Binnenhafen live“-Magazin. Die nächste Ausgabe wird Ende Mai erscheinen, unmittelbar vor dem Binnenhafenfest.

Andreas Göhring, Harburg.
Er hat eher das zurückhaltende norddeutsche Temperament. Dabei kommt Hans Christian Lied „aus dem Süden“, genauer gesagt aus Hessen. Den Norden hat er erst allmählich entdeckt, zunächst während des Zivildienstes als Vogelwart an der Nordseeküste. Danach studierte er in Tübingen Biologie und Mathematik, wechselte später für ein Studium der Architektur und des Städtebaus zur Universität Kassel und legte ein Auslandssemester an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne ein.
Nach einem Jahr als Stadtplaner in einem Frankfurter Büro wechselte er 2000 zur Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in Hamburg und wurde Referatsleiter „Städtebauliche Entwürfe und Projektsteuerung“, später dann Projektentwickler bei der IBA. Im Januar 2015 übernahm Lied als Nachfolger von Carl-Henning von Ladiges die Leitung des Harburger Fachamts Stadt- und Landschaftsplanung.
Am 1. März 2020 wird Hans Christian Lied nun Nachfolger des Harburger Dezernenten für Wirtschaft, Bauen und Umwelt Jörg Heinrich Penner. Vorab skizzierte er im Gespräch mit „Binnenhafen live!“ seine Vorstellungen von der Entwicklung des Binnenhafens.

Die Harburger Innenstadt ist zurzeit nicht besonders attraktiv, soll aber aufgewertet werden. Gleichzeitig hat sich im Binnenhafen längst ein neues Quartier entwickelt. Hat Harburg künftig zwei Zentren?
Wir arbeiten daran, diese Trennung zu überwinden. Deshalb werden wir die historische Ader Schloßmühlendamm/Harburger Schloßstraße neu beleben – mit mehr Fuß- und Radverkehr und weniger Autoverkehr. Deutlich mehr Bäume könnten im Schlossmühlendamm zum Flanieren einladen und einen Qualitätsraum in der neuen Innenstadt bilden. Dazu gehören die Überlegungen, einen neuen Tunnel für Fußgänger und Radfahrer im Verlauf dieser historischen Ader zu entwickeln. Aber ebenso gilt es auch dort neue Räume fürs Wohnen zu erschließen, selbst wenn es dort lauter ist.

Wohnen, dort wo es laut ist?
Die Erfahrung zeigt, dass das bei sorgfältiger Planung durchaus machbar ist, beispielsweise durch konsequent autofreie geschlossene Blockinnenbereiche.

Wie wird sich der Binnenhafen entwickeln?
Zurzeit leben dort rund 1.300 bis 1.500 Menschen. Ich gehe davon aus, dass sich diese Zahl verdoppeln wird. Mehr Menschen, mehr Arbeitsplätze – das macht ein urbanes Quartier aus. Gleichzeitig setzen wir auch auf städtebauliche Qualität, zum Beispiel bei der Freiraumplanung.

Im Westen tut sich mit dem Mönke-Hotel und den Plänen für die alten Hallen am Nordufer einiges. Und was kommt dann? Etwa: Go west? Haben sie auch schon den Harburger Seehafen im Blick?
Beim Internationalen Bauforum zur Zukunft der Hamburger Magistralen haben die Seehäfen die Fantasie der Planer beflügelt. Wer jedoch genauer hinsieht, wird die deutlichen Unterschiede zum Harburger Binnenhafen sehen – zum Beispiel dass die Flächen in den Seehäfen nicht hochwassergeschützt sind. Ein Teil der Seehäfen gehört auch zum Hafenentwicklungsgebiet Zone 1, dort hätte zunächst auch die Wirtschaftsbehörde das Sagen. Es ergibt wenig Sinn, neben den sich entwickelnden urbanen Quartieren in der Harburger Innenstadt und im Binnenhafen rund um die Seehäfen ein ähnliches Quartier zu entwickeln.

Trotz aller Bedenken hört sich das nicht nach einem klaren Veto an.
Wenn eines Tages im Binnenhafen alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, könnte man beginnen, über die Seehäfen nachzudenken und dort eventuell Flächen für Forschung und Innovation nutzen. Heute gehe ich davon aus, dass dieses Thema vermutlich nicht in den kommenden 30 Jahren, sondern darüber hinaus angegangen wird.

Vor kurzem tauchte in der Presse mit der „städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ ein Begriff auf, der öffentlich für Verwirrung sorgte. Was steckt dahinter?
Es geht um Paragraf 165 des Baugesetzbuchs. Mit der Einleitung von Voruntersuchungen für die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme „Östlicher Binnenhafen und Anknüpfung an die Innenstadt“ rücken der Osten und Süden des Binnenhafens stärker in den Fokus der Stadtplanung. Es handelt sich um ein Instrument des besonderen Städtebaurechts. Damit verfolgen die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen – sie ist dabei federführend – und das Bezirksamt bestimmte Ziele.

Was sind das für Ziele? Was wird sich verändern?
Es geht im Wesentlichen um folgende Ziele: Östlich des Binnenhafenbeckens soll in teilweise attraktiver Wasserlage Wohnen und forschungs- und innovationsgetriebenes Gewerbe ermöglicht werden. Im Süden sollen in einem gewerblich dominierten urbanen Quartier entlang des Seevekanals ein Grünzug und eine attraktive Fuß- und Radwegeverbindung zum Bahnhof entstehen.
In Verlängerung des Schellerdamms ist eine neue barrierefreie Brücke in die Innenstadt geplant. Für den südlichen Brückenkopf sind auch Änderungen am dort vorhandenen Parkhaus erforderlich. Vorhandene Industrie- und Verkehrsbetriebe sollen mittelfristig bestehen bleiben, für die langfristige Perspektive soll jedoch bereits heute ein Zielbild entwickelt werden.

Was heißt in diesem Fall mittelfristig?
Ich spreche von einem Zeitraum von weniger als zehn Jahren.

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