Stehen die Schwierigkeiten gemeinsam durch: Ellen und Michael Diederich. Foto: pr
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Gaby Pöpleu, Hamburg

Wut, Verzweiflung, Enttäuschung – Ellen und Michael Diederich hadern mit dem Sozialstaat. Wer sich ihre Geschichte anhört, kann das verstehen: Die Diederichs haben eine jahrelange Odyssee durch deutsche Amtsstuben, Behörden und Gutachterpraxen hinter sich. Der Grund: Vor vier Jahren beantragte Michael Diederich eine Erwerbsminderungsrente. Vorläufige Endstation: die Privatinsolvenz. Denn die Rente lässt auf sich warten. „Ich bin einfach empört, dass man einen Menschen so hängen lässt“, ist Ellen Diederichs bittere Bilanz.

Dabei hatte alles harmlos angefangen, erzählt die gebildete Frau. Man merkt, sie musste ihre Geschichte schon oft auf Amtsstuben vortragen: Noch vor vier Jahren lebten die Diederichs auf Sylt. Der gelernte Schlosser Michael arbeitete als Haustechniker in einem Luxushotel, Ellen als Therapiedisponentin. „Wir waren ganz gut situiert“, sagt Ellen Diederichs, ein wenig Wehmut schwingt mit, wenn sie an die besseren Zeiten denkt.

Eine Krankheit wirft das
Paar aus der Bahn

Dann bricht dieses wohlsortierte Leben Stück für Stück auseinander: Michael Diederich ist auf der Suche nach einem neuen Job, beim Probearbeiten bei einem Getränkehändler packt er „zu viel auf die Schippe“ – Bandscheibenvorfall. Damit beginnt der Leidensweg: Ab Oktober 2015 hat er kein Einkommen mehr. Krankengeld gibt’s nicht, denn Michael Diederich hatte noch keinen Arbeitsvertrag. Auch Arbeitslosengeld gibt’s nicht, weil angeblich Formulare nicht unterschrieben wurden, sagt das Arbeitsamt. Diederichs Klage beim Sozialgericht Schleswig läuft, noch immer…

Der nächste Schlag trifft die Diederichs hart: Ihre Mietwohnung auf Sylt soll – leer – verkauft werden, es kommt zum Streit mit der Vermieterin, als Ellen Diederichs darauf hinweist, dass ihr Mietvertrag auch bei einem Verkauf weiter gültig ist: „Dann wurde es sehr unschön.“ Durch Michaels Krankheit und daraus folgenden Geldprobleme hatte das Paar andere Sorgen, geht dem Rechtsstreit aus dem Weg und zieht in Ellens Heimatstadt Hamburg, da das Geld von der „hohen Kante“ langsam auf den Rest geht – Sylt ist teuer.
Eineinhalb Jahre versucht Ellen, beide alleine durchzubringen, pendelt weiter zwischen ihrer Arbeitsstelle auf Sylt und der Wohnung einer Freundin auf dem Festland. Dann ist auch sie fix und fertig.

2018 bricht auch Ellen
Diederichs zusammen

„Als wir 2018 aus Österreich zurückkamen, wo mein Mann für ein medizinisches Gutachten hinmusste – er hatte dort früher gearbeitet – brach ich zusammen“, erzählt sie, und man merkt, das sie nicht gern über ihre eigenen Probleme spricht, nicht jammern will. Die Folge: Auch sie muss sich behandeln lassen. Die Belastungen haben eine Depression ausgelöst, lange Therapien, Reha-Maßnahmen und schließlich auch ihre Privatinsolvenz sind die Folge, denn arbeiten kann Ellen jetzt nicht mehr.
Jetzt wohnen die Diederichs in einer kleinen Saga-Wohnung in Sülldorf. „Wenn man richtig verzweifelt ist, macht man alles mögliche“, erzählt Ellen Diederichs. „Wir haben auch mal ans Bundesgesundheitsministerium geschrieben.“ Die Antwort: „Das Ministerium sehe sich nicht in der Lage ‘in die Exekutive einzugreifen’ – das ist doch wirklich zum Lachen!“

Mit der Gesundheit geht’s weiter bergab

Mit Michaels Gesundheit geht’s inzwischen weiter bergab: Er hat jetzt drei kranke Nackenwirbel, musste sich an beiden Augen operieren lassen, die rechte Schulter ist total kaputt, oft kommt er vor Schmerzen kaum aus dem Bett. Wenn er aufsteht, dauert es, bis die Senkrechte erreicht ist, die Psyche macht langsam nicht mehr mit, das Autofahren hat er aufgegeben. Fünfmal musste Michael Diederich sich von medizinischen Diensten aller Couleur begutachten lasssen, reiste dafür zu Gutachtern durchs Land und darüber hinaus.

Die Diederichs haben die Hoffnung auf die Rente auch nach vier Jahren nicht aufgegeben. Und es zeigt sich ein Siberstreif am Horizont: „Von der Deutschen Rentenversicherung Nord wird Herr Diederich demnach eine kleine inländische Rente erhalten“, teilt RV-Sprecher Sebastian Bollig auf Nachfrage des Wochenblattes mit. Das Verfahren habe – auch wegen den verschiedenen Auslandsaufenthalten – länger als üblich gedauert. „Dies bitten wir zu entschuldigen.“

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Der Fall ist typisch

Anwalt Jan-Philipp Pohst vom Sozialverband VdK kämpft für Hamburger Rentner

HAMBURG. Beim Sozialverband VdK ist Michael Diederich kein Einzelfall. „Wir haben im Moment rund 100 Verfahren gegen die Rentenversicherung laufen“, sagt VdK-Sozialanwalt Jan-Philipp Pohst. 14.000  Hamburger sind Mitglied VdK, werden von vier Anwälten vertretenn – Tendenz steigend.
Ein Grund: Viele Menschen müssen sehr lange auf Bescheide warten, brauchen juristische Unterstützung, um ihre Rechte durchzusetzen, berichtet Pohst aus seinem Berufsalltag. Häufig geht es außerdem um Hilfsmittel, die zum Beispiel von der Krankenkasse nicht bezahlt werden.
Woran liegt es, dass die Bearbeitung so lange dauert? „Es gibt viel zu wenige Gutachter“, sagt Pohst. „Und immer mehr Menschen müssen wegen psychischer Krankheiten eine Rente beantragen.“ Und neurologische und psychiatrische Gutachter sind offenbar echte Mangelware.

Wenn Anträge länger als sechs Monate nicht bearbeitet werden, können Antragsteller eine „Untätigkeitsklage“ beim Sozialgericht einreichen. Warum geschieht das nicht? „Die Untätigkeitsklage ist ein zahnloser Tiger“, sagt Pohst. Denn: Die durchschnittliche Verfahrensdauer bei den Sozialgerichten beträgt derzeit in Hamburg zwei Jahre, in anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus. „Deshalb haben wir das bei Herrn Diederich bisher gar nicht erst versucht.“

Warum dauern die Klagen so lange? Das liegt oft an komplizierten Veränderungen im Sozialrecht, zum Beispiel bei den Abrechnungen zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen. „Dann gehen schon mal vorsorglich 5.000 Klageschriften auf einmal bei Gericht ein“, sagt Pohst, „Das hat es in Hamburg gegeben. Die sind zwar inzwischen zurück-gezogen worden, mussten zunächst aber alle vom Gericht bearbeitet werden.“ PÖP

Das läuft bei der Rentenversicherung
Michael Diederich hat als Arbeitnehmer jahrelang Rentenbeiträge gezahlt, war lange in Spanien, Österreich und Großbritannien berufstätig. Das führte zu Verwirrungen bei der Rentenversicherung (RV): Hatte zunächst die RV Rheinland den Antrag bearbeitet (sie ist bei Arbeitsstellen in Spanien und Österreich zuständig), stellte sich irgendwann heraus: Diederichs letzte Auslandsarbeitsstelle war in Großbritanntien, die RV Nord bearbeitet das.
Diederichs Akte wurde weitergereicht, war zwischenzeitlich gar nicht auffindbar.
Inszwischen ist sie erneut geprüft, zahlreiche Gutachten angefordert und durchleuchtet. Den Stand der Dinge berichtet Sprecher Sebastian Bollig: „Von der Deutschen Rentenversicherung Nord wird Herr Diederich demnach eine kleine inländische Rente erhalten.“ Warum hat das so lange gedauert? Bollig: „Herr Diederich hatte ein vielfältiges Erwerbsleben mit einigen Auslandsaufenthalten.“ Man habe auch bei den ausländischen Rentenkassen Verfahren eingeleitet. Ob es von dort auch Geld gibt ist aber fraglich, denn dort gelte anderes Recht.

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Das sagt der Politiker
Matthias Bartke sitzt seit 2013 als Altonaer Direktkandidat der SPD im Bundestag. Was sagt er zu den extrem langen Verfahren bei Renten und am Sozialgericht?
Bartke sieht die Ursache in „umfangreichen Überprüfungen und Gutachten, die notwendig sind. Häufig müssen die Richterinnen und Richter nicht nur schmale Akten, sondern Aktenberge durcharbeiten.“

Bartke kann verstehen, dass viele Menschen nicht mehr an den Sozialstaat glauben: „Wir brauchen unbedingt mehr Personal an den Gerichten.“ Was tut die SPD? Bartke sieht Verbesserungen: „Unsere Bundesjustizministerin hat im vergangenen Jahr eine deutliche finanzielle Unterstützung der Gerichte durchgesetzt. Hamburg hat im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 38 neue Richterinnen und Richter eingestellt, davon zwei am Sozialgericht.“

Erwerbsminderungsrenten seinen grundsätzlich kompliziert: „Das hat damit zu tun, dass man alle früheren Beschäftigungen und den kompletten Krankheitsverlauf aufzeigen muss. (…) Die Länge des Prüfvorgangs hängt folglich auch davon ab, wie kompliziert das jeweilige Krankheitsbild ist.“

1 KOMMENTAR

  1. Ich appelliere an allen Arbeitnehmer,die in Rentenversicherung einzahlen oder eingezahlt haben,wen irgendwann von Unfällen krank gewordet seit,und nicht mehr arbeiten könnt,werdet bestraft als Ewerbsgeminderte,weil die Rentenversicherung euch immer als Leistungs stellt mit 6 Stunden und mehr,obwohl des nicht mehr leistbar seit,weil euch kaputt geschafft habt wie mich,und mehrere zusammen spezifische Einschränkungen erworben habt,das Vertrauen ist gebrochen an ein System der ihr eure Gesundheit geopfert habt,umsonst,darum haben die jenigen recht,das sie nicht arbeiten nichts aufbauen,weil am Ende ihres Arbeitslebens von Gesundhetlichen folgen genau wie denen gerechnet wird,die nichts haben und geschont geblieben sind von Jahrzehnten Arbeit mit Unfällen,das gleiche Geld haben.weil die clever waren,wie die verunfallten Menschen

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