Rund 30 Jahre lang hat Uli Gomolzig (67) das Haus der Jugend Wilhelmsburg geleitet. Zum Februar wird er die Leitung abgeben. Foto: Grundke
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Im Wochenblatt-Interview lässt Gomolzig die Zeit Revue passieren

Sebastian Grundke, Wilhelmsburg. Im Haus der Jugend Wilhelmsburg geht eine Ära zu Ende. Uli Gomolzig verabschiedet sich in den Ruhestand. Das Wochenblatt sprach mit dem langjährigen HdJ-Leiter.

Sie waren dreißig Jahre Leiter des Hauses der Jugend hier in Wilhelmsburg. Fällt Ihnen das Loslassen schwer?
In dem ganzen Haus steckt viel Herzblut von mir drin. Ich denke, ich gehe letztlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wie man so schön sagt. Ich freue mich, dass ich etwas mehr Zeit für mich habe. Und ich weiß auch, dass ich noch aktiv sein werde hier im Haus. Ich werde mich hier aber nicht mehr groß einmischen. Das ist dann vielleicht das weinende Auge.

Wie und wie lange werden Sie noch aktiv sein?
Das kann ich noch nicht sagen. Der neue Leiter Leon Hundertmark ist noch recht jung und muss begleitet und angeleitet werden. Das möchte auch mein Arbeitgeber, also das Bezirksamt. Auf diesem Weg bleibe ich dem Haus der Jugend also noch verbunden. Außerdem habe ich vor gut fünfzehn Jahren den ‚Verein zur Förderung der Integration in Hamburg-Wilhelmsburg‘ gegründet. Der sammelt Geld zur Förderung des Hauses hier in Wilhelmsburg und bietet zum Beispiel Kochgruppen oder Sportkurse an. In dem Verein bin ich Gründungsmitglied und auch weiterhin aktiv. Ganz weg bin ich also noch nicht, dazu bedeutet mir das Haus hier auch zu viel.

Was haben Sie in den vergangenen dreißig Jahren erreicht?
Als ich angefangen habe, wurde das Haus der Jugend von den so genannten Wilhelmsburger Türkenboys dominiert. Das war eine Jugendgang, die aus gut einhundert jungen Männern bestand. Die waren in ganz Hamburg bekannt und im Stadtteil sowieso. Mit denen zu arbeiten und im pädagogischen Sinne deren Leben mitzugestalten, das war mein erstes Ziel damals. Außerdem hatte das Haus damals ein Image, das nicht besonders positiv war.
Es gab viele Vorbehalte der Anwohner, die alles Mögliche hier drin vermutet haben. Wir haben es dann hell und freundlich gestaltet und es für den Stadtteil geöffnet, haben etwa Familienfeiern hier zugelassen, vom Kindergeburtstag bis hin zur Hochzeit. Auch andere, ganz banale Dinge haben geholfen, das Image zu ändern. So haben wir zum Beispiel Fußballübertragungen angeboten, zu denen Väter mit ihren Söhnen kommen konnten.

Wie genau haben Sie die Probleme mit der Gang damals in den Griff bekommen?
Die war damals straff organisiert und das, was man polizeirelevant nennen könnte. Ich habe dann mit einem Kollegen mit den Anführern gesprochen und versucht, Vertrauen aufzubauen. Wir sind sogar mit denen in Dänemark oder an der Ostsee gewesen und haben also alles, was das pädagogische Handwerkszeug so hergibt, gemacht. Einmal haben wir sogar ein Floß gebaut und sind damit hier in der Gegend umhergeschippert. Da waren nicht alle einhundert Gangmitglieder dabei, aber immerhin so zwanzig bis dreißig. Dadurch haben die Vertrauen gefasst und wir konnten dann miteinander reden. Ich konnte denen auch klar machen, wo deren Weg enden wird, wen sie den so weiter gehen.

Nämlich im Gefängnis?
Ja, genau. Wir haben damals auch Kontakt zum örtlichen Kommissariat hergestellt. Dessen Leiter war dann auch regelmäßig zu Gesprächen, zum Kaffeetrinken hier. So hat sich das nach und nach befriedet und aus einem Großteil der Leute sind später ganz normale, biedere Familienväter geworden. Und ich meine das keinesfalls negativ. Andere haben die Kurve nicht ganz bekommen.
Aber es gibt immer noch Kontakte zu dem einen oder anderen Anführer von damals. Zum Beispiel zu Erol Ceylan, der heute in Hamburg Boxpromoter ist. Der hat mir völlig unerwartet vor drei Jahren einen seiner Profiboxer für einen längeren Zeitraum für die Jugendarbeit umsonst zur Verfügung gestellt. Dieser hat mit den Jugendlichen dann Fitnesstraining gemacht.
Das war sehr nobel. Und es gibt auch andere, die uns noch verbunden sind. Einer ist sogar heute noch als Honorarmitarbeiter hier tätig. Der ist inzwischen um die fünfzig und heute ein Vorbild für manchen Jugendlichen, weil er eben erzählen kann, was er damals gemacht und wie er dann die Kurve bekommen hat.

Gibt es ein Patenrezept zum Umgang mit Gewalt und Verbrechen?
Als Pädagoge muss man da eine klare Kante zeigen. Ich habe dafür keine Sympathien und das weiß hier auch jeder. Ich decke so etwas nicht, genauso wenig wie ich Abziehen decke. Da beziehe ich klar Position und ich denke, dass das auch gewünscht ist von den Jugendlichen. Solche Probleme gibt es aber nicht nur in Wilhelmsburg, sondern in jedem Hamburger Stadtteil.

Wie, denken Sie, wird ihr Nachfolger hier zurechtkommen?
Ich denke, er findet eine gute Einrichtung vor, die rund 700 Stammbesucher hat, die altersübergreifend ist und in der ganz viele Kulturen aktiv sind, nämlich etwa dreißig verschiedene. Es gibt ein eigenes Tonstudio, Kooperationen mit Schulen im Bereich Sport und Psychomotorik, Beratungsangebote, Hausaufgabenhilfe und Kochgruppen.
Und er wird auf ein Team treffen, das offen für ihn ist.

 

Gomolzigs Nachfolge
Neuer Leiter des HdJ Wilhelmsburg wird Leon Hundertmark. Hundertmark ist erst Anfang zwanzig und damit vergleichsweise jung. Er kennt das Haus, weil er dort bereits seit einigen Jahren als Mitarbeiter tätig ist. Der langjährige Leiter Uli Gomolzig wird den Wechsel begleiten und so einen möglichst reibungslosen Übergang gewährleisten.

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