Eine S-Bahn verlässt den Bahnhof Othmarschen. Foto: mg

M. Greulich, Hamburg-West

Es gibt Hamburger Bundestagsabgeordnete der Großen Koalition, die einen oder zwei Züge früher nehmen, wenn sie in Berlin einen wichtigen Termin haben. Man kann sich nicht auf die Pünktlichkeit der Bahn verlassen, lautet das Fazit dieser parlamentarischen Vielfahrer. Dass dies auch mal auf eine Fahrt von Iserbrook nach Altona (siehe unten stehender Text) gelten würde, hätte sich vor wenigen Jahren noch niemand vorstellen können.

Es gab eine Zeit, da war eine Fahrt mit der S-Bahn eine entspannte Angelegenheit. Zu Beginn der Zehnerjahre um genauer zu sein. Wer in der Nähe des Bahnhofs Othmarschen unterwegs war und die roten Waggons in Richtung Osten einfahren sah, wusste dass die Uhr „Vier nach“ anzeigen musste. So stand es im Fahrplan. Fuhr der Zug zu einer anderen Zeit, musste es sich um eine S11 handeln. Klappte das mal nicht, waren im zerknirschten Tonfall vorgetragene Entschuldigungen aus den Lautsprechern auf dem Bahnsteig zu hören. So etwas Besonderes war das.

Mit Fortschreiten der Zehnerjahre ersetzte die Bahn die Aufkleber, mit 100 Prozent Ökostrom unterwegs zu sein, durch das Flammenlogo der Hamburger Olympiabewerbung, was schon ein wenig seltsam anmutete. Aber nach der Abstimmungsniederlage des Senats fuhr die Flamme schon nicht mehr mit, aber die Züge kamen immer noch pünktlich.

Im Februar 2017 meldete das Online-Portal „Nahverkehr Hamburg“ durchschnittlich zwei Stunden Probleme täglich. S3 und S31, aber auch die S1/S11 und S21 waren aus dem Takt geraten. Ein Pannenmonat, schrieb ein Kollege. Was er damals noch nicht ahnen konnte: 2019 wurde zum Pannenjahr.

Die erste Angebotsoffensive des Senats vom Dezember 2018 vermochte daran nichts zu ändern, ob die seit drei Wochen laufende zweite Angebotsoffensive sofort spürbar hilft, darf angesichts des lange vernachlässigten Schienennetzes der Deutschen Bahn bezweifelt werden. Ein Trost bleibt: Dass es immer noch schlimmer kommen kann, erlebten Fahrgäste im Sommer beim Schienenersatzverkehr.

Warum sich viele die S1 nicht mehr antun
Die Bürgerreporter Petra und Udo Störmer
über das S-Bahn-Chaos im Westen

Petra und Udo Störmer, Iserbrook

Wir gehören zu den leidgeprüften S-Bahn-Nutzern zwischen Blankenese und Wedel, die nicht nur von langen Taktzeiten, sondern auch von fast täglichen Störungen im S-Bahnverkehr betroffen sind. Immerhin ist die S1 die wichtige Airport-Bahn!
Wenn wir dann noch an so einem verwahrlosten Bahnhof wie Iserbrook stehen und wieder einmal Weichenstörung, Betriebsstörung und ähnliches angesagt wird, dann haben wir keine Chance auszuweichen: Es gibt keinen Bus (bis auf den 20-minütig nach Pinneberg fahrenden 285er), kein Stadt-Rad um wenigstens nach Blankenese zu kommen und im Nordteil des Bahnhofs bei Regen und Wind kein Dach. In dem vorhandenen demolierten Unterstand gibt es nur noch zwei Sitze …

Geplanter Fünf-Minuten-Takt eine Lachnummer

Ein Beispiel: Am 23. Dezember wollten wir um 9.20 Uhr von Altona nach Berlin fahren; wir fühlten uns beim Zehn-Minuten-Takt relativ sicher die 8.32-Uhr-Bahn zu nehmen, um circa 8.50 Uhr in Altona zu sein. Um 8.22 Uhr sahen wir noch eine Bahn, dann gab es bis 8.52 nur Bahnen nach Wedel, also eine halbe Stunde nichts im Berufsverkehr Richtung Innenstadt! Wohlgemerkt, wir hatten keine Alternative, außer ein Taxi zu bestellen. Mit der Bahn um 8.52 Uhr haben wir es diesmal noch knapp geschafft!

Sie können sich vorstellen, dass wir die Ankündigung der Politik, für alle Hamburger den Fünf-Minuten-Takt zu realisieren, als Lachnummer empfinden. Viele unserer Bekannten tun sich die S1 nicht mehr an und fahren lieber mit dem Auto.
Zum Zustand des Bahnhofes und seiner Zugänge, die die Lust auf Autofahren verstärken, noch folgende Ergänzungen:
Die Beleuchtung des Weges zur Brücke über die Sülldorfer Landstraße ist bei Dunkelheit so schlecht, dass man in Abschnitten den Weg nicht sehen kann. Dies ist besonders gefährlich, da es zwischendurch auf dem Weg lockere Steine und Löcher sowie auf der Brücke Beulen im Asphalt gibt.

Im Sommer hat man auf den Rampen Kontakt zu Brennnesseln und Brombeerstacheln oder wird ganz durch reinwachsende Büsche behindert. Im Herbst und Winter sind die Treppen durch Laub glitschig und bei Minusgraden wird auch die nicht gestreute Brücke zur Rutschbahn.

Wenn ich bedenke, mit wieviel Aufwand die Bahn die Tunnelbahnhöfe unverhältnismäßig hübscher macht und wie verwahrlost Bahnhöfe außerhalb der Touristenrouten aussehen, frage ich mich, ob die Politik und die kaputtgesparte Bahn da die richtigen Prioritäten setzen.

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