„Engel der Obdachlosen“: Susanne Groth. Foto: stahlpress medienbüro

Volker Stahl, St. Pauli

Mit Leid kennt sich Susanne Groth bestens aus. Jahrelang arbeitete sie für eine Tierschutzorganisation und war täglich mit dem Martyrium gequälter Kreaturen konfrontiert. Doch auch die Menschen hatte sie stets im Blick: Als Journalistin schrieb sie Reportagen aus aller Welt für Amnesty International und Reporter ohne Grenzen. Vor drei Jahren geriet das Elend vor der eigenen Haustür in ihr Blickfeld – das der Obdachlosen.

Die schwierige Lebenssituation der gesellschaftlich Gestrandeten beschäftigte sie so sehr, dass sie zusammen mit dem Düsseldorfer Fotografen Markus Connemann einen Bildband über Gäste des CaFées mit Herz veröffentlichte, das sie als „Hamburgs sozialen Hafen“ bezeichnet. Dort, im Untergeschoss des ehemaligen Hafenkrankenhauses im Stadtteil St. Pauli, können Bedürftige, Obdachlose, Senioren und Hartz-IV-Empfänger kostenlos frühstücken und zu Mittag essen. Sie können duschen und werden aus der Kleiderkammer versorgt. Ein ehrenamtlich tätiger Arzt hält einmal in der Woche seine Sprechstunde ab und verordnet Medikamente, die bei Bedürftigkeit von der Einrichtung bezahlt werden. Täglich besuchen 400 Gäste das CaFée – Tendenz steigend. Laut Sozialbehörde leben in Hamburg derzeit 2.000 Menschen ohne festen Wohnsitz.

„Die Obdachlosen sind mir ans Herz gewachsen“

„Nach Fertigstellung unseres ersten Buchs sind wir mit zahlreichen Anfragen zum Thema Obdachlosigkeit konfrontiert worden“, erzählt Groth in einem Café am Hein-Köllisch-Platz. „Wir stellten fest, dass wir ein Thema aufgegriffen hatten, das viele Menschen berührt.“ Die große Resonanz war die Initialzündung für die Gründung des Vereins „Leben im Abseits“, der vis-à-vis dem Café über ein kleines Büro verfügt und sich um die Belange Wohnungsloser kümmert. Seitdem bekommt sie viele Einladungen von Schulen und Hilfsorganisationen wie der Caritas zu Lesungen, Vorträgen und Ausstellungen.

Mittlerweile ist die Kümmerin auf St. Pauli gut vernetzt und wird auch von den Polizisten der Davidwache bei ihrem Engagement unterstützt. „Vor einem Jahr war ich dort eingeladen, alle Bünabes waren anwesend und baten mich: ‚Mach weiter, du hast hier eine Verantwortung.‘“ Gesagt, getan, denn: „Die Obdachlosen sind mir ans Herz gewachsen.“
Geboren und aufgewachsen im schleswig-holsteinischen Wedel, lebt Susanne Groth heute am Stadtrand Hamburgs. Nach einem Volontariat bei einer Menschenrechtsorganisation und der Zeit als Pressesprecherin bei Vier Pfoten folgte eine Anstellung bei einem großen Medienkonzern, in dem sie heute für den Bereich Unternehmenskommunikation zuständig ist. Um den enormen Aufwand im Ehrenamt bewältigen zu können, hat sie die Arbeitszeit auf wöchentlich 30 Stunden reduziert: „Das Pensum wäre sonst nicht mehr schaffbar, denn ich könnte Vollzeit im Ehrenamt arbeiten.“ Für Veranstaltungen oder die Begleitung von Obdachlosen bei Behördengängen nimmt sie sich Urlaub.

Mitten im Gespräch über den Hamburger Berg – „Europas gefährlichste Straße“ – und den sogenannten „Nuttenbunker“ am Ende der Reeperbahn wird sie von ihrem Engagement für „ihre“ Obdachlosen auf dem Kiez wieder eingeholt. Eine Bürgernahe Beamtin von der Davidwache schaut mit drei Kollegen im Café vorbei. Groth entschuldigt sich kurz und begrüßt die Polizistin mit einer herzlichen Umarmung. Als das Quartett weiterzieht, erzählt Groth, dass sie mit der Bünabe im vergangenen Winter bei minus zehn Grad in St. Pauli auf Streife war: „Bei unserem Rundgang haben wir in die Schlafsäcke geguckt, ob die Menschen noch leben.“

❱❱ Susanne Groth: Unter dem Radar. Leben und Helfen im Abseits, ISBN 978-3-00-063019-4
17,90 Euro; Bezug über den Fanshop des FC St. Pauli. 50 Prozent des Bucherlöses fließen in einen Sozialfonds, aus dem Wünsche Obdachloser erfüllt werden sollen.

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