Immer schön langsam - Stufe für Stufe. Auf dem Treppenabsatz haben die Praxen bereits einen Stuhl zum Ausruhen platziert. Foto: cvs
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Ch. v. Savigny, Lurup

Rund 30 Stufen sind es bis hinauf in den ersten Stock des Ärztehauses an den Elbgaupassagen. 30 Stufen: Für einen jungen Menschen ist das normalerweise ein Klacks – der Luruper Horst Sch. (Name geändert) braucht für das Treppenhaus allerdings mindestens eine Viertelstunde. „Seit über 20 Jahren besuche ich diese Praxis“, berichtet der 83-Jährige, der chronische Probleme mit den Knien hat. Auch seine Frau sei hier Patientin. „Sie kann noch viel weniger laufen als ich. Soll ich sie vielleicht hochtragen? Ich verstehe nicht, dass kein Fahrstuhl eingebaut wird!“

Sechs Ärzte praktizieren im ersten Stock des Eingangs Elbgaustraße 120, vier davon in einer Gemeinschaftspraxis. Dort kennt man das Problem nur zu gut: „Ich hätte auch gerne einen Aufzug“, sagt der Allgemeinmediziner Heiko Hundius. Für den Fall, dass ein Patient die Treppenstufen partout nicht schaffe, dürfe die Praxis einen Nebenraum der benachbarten Gode Wind Apotheke für Behandlungszwecke nutzen. Zudem sei man viel auf Hausbesuchs-Tour unterwegs.

Im Treppenhaus ist kein Platz für einen Fahrstuhl

Nachfrage beim Vermieter: Wie sieht er die Situation vor Ort? „Wir haben uns das angesehen: In dem betroffenen Treppenhaus wäre für einen Aufzug kein Platz“, sagt Joachim Luserke (Luserke Vermögensverwaltung GmbH). Die Firma weist jedoch darauf hin, dass sie anderenorts nachgerüstet habe. „Wir haben in insgesamt drei Ärztehäusern in den Elbgaupassagen nachträglich einen Aufzug anbringen lassen – überall dort, wo es möglich war.“

Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) besteht für Ärzte in der Hansestadt keine gesetzliche Verpflichtung, einen barrierefreien Zugang zur ihrer Praxis anzubieten. „Das wäre in vielen Fällen auch unlogisch und gar nicht machbar, wenn es sich zum Beispiel um einen Altbau handelt, in den man keinen Aufzug einbauen kann“, sagt KVH-Sprecher Jochen Kriens. Ab dem kommenden Jahr müssten Ärzte jedoch veröffentlichen, ob und in welcher Form ihre Praxis barrierefrei sei. Darüber hinaus rät die KVH dazu, im Zweifelsfall die Patientenberatung anzurufen (Infos s. u.).

Die Stiftung Gesundheit setzt sich seit 25 Jahren für die Belange von Arztpatienten ein. „Die Situation in Deutschland ist ein Skandal“, schimpft der Vorstandsvorsitzende Peter Müller. „Es gibt kaum Bestrebungen in Richtung Barrierefreiheit, und wenn doch, dann werden diese sogar aktiv unterlaufen.“ Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA, ein wichtiges Beschlussgremium im deutschen Gesundheitswesen, Anm. d. Red.) habe vor zwei oder drei Jahren den Versuch gestar-tet, gesetzliche Vorschriften für
Praxisneueröffnungen zu entwi-ckeln. Letztendlich sei dieser Plan leider gescheitert.

❱❱ Telefonische Patientenberatung unter Tel. 202 29 92 22,
Weblinks:
www.kvhh.net
www.arztauskunft.de

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