Am Lotsekai muss Birgit Przybylski den Rollator über unregelmäßiges Kopfsteinpflaster schieben. Ein Rad des Gehwagens hat sich in der Kranschiene verfangen. Für Menschen, die schlecht zu Fuß sind, ist es eine große Anstrengung, den Rollator wieder flott zu bekommen, weiß Przybylski. Foto: ki
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Foto: ki

Kopfsteinpflaster und Absenkungen: Beim Spaziergang mit Rollator
und ohne Augenlicht gibt’s noch immer Probleme – ein Artikel aus dem aktuellen Binnenhafen Magazin

Karin Istel, Harburg.
Der Harburger Binnenhafen ist ein aufstre-
bender Stadtteil. Moderne Architektur prägt die Skyline,
historische Gebäude verweisen auf die Anfänge des Stadtteils. Da macht es Spaß, das Viertel zu Fuß zu erkunden. Doch können das auch Menschen, die nicht gut zu Fuß sind oder andere körperliche Einschränkungen haben? Das Elbe Wocheblatt hat Birgit Przybylski mit einem Rollator und den blinden Vorstandssprecher der Behinderten Arbeitsgemeinschaft BAG Andreas Schmelt mit seinem Hund Simba auf einem Spaziergang vom Kanalplatz zum Harburger Schloss begleitet.
Los geht es vor der Kulturwerkstatt. Die breiten Treppenstufen parallel zur Straße sind für Andreas Schmelt kein Problem. „Die Örtlichkeit kann ich interpretieren“, sagt er und weist auf weiße Querrillen im Boden. „Das sind Leitstreifen. Sie sagen mir ‘Stopp!’ So gehe ich nicht versehentlich die Treppen hinunter und falle.“ Dann weist er mit seinem weißen Stock in Richtung Stadtrad-Station an der obersten Treppenstufe. Die Ständer werden von Bodenplatten eingerahmt, auf denen ebenfalls weiße Querrillen, aber auch Punkte zu sehen und zu Fühlen sind. „Die Rillen und Noppen zeigen mir, dass hier ein Hinderniss zu umgehen ist. Das sind Bodenindikatoren, so genannte taktile Leitsysteme“, lobt er. „Es ist sehr gut, dass die Nutzer die Fahrräder auch immer so sorgfältig an der Station abstellen. Denn alle Hinweise nutzen uns Blinden nichts, wenn die Räder irgendwo in der Gegend abgestellt würden.
„Barrieren, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht“
Der Weg über den Kanalplatz zur Drehbrücke wird für Birgit Przybylski zur ungewollten Kraftanstrengung. Sie muss den Rollator über Kopfsteinpflaster schieben. „Da hat man richtig Spaß“, sagt sie ironisch. Sie selbst ist zwar noch nicht auf einen Rollator angewiesen, aber ihr Mann. „Dieser Spaziergang wäre für ihn zu anstrengend, deshalb kam er nicht mit. Es gibt für Menschen mit Rollatoren Barrieren, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht, wie beispielsweise dieses Kopfsteinpflaster. Also werden Umwege gemacht, oder man bleibt gleich zuhause. So vereinsamen Menschen. Um darauf aufmerksam zu machen, gehe ich heute mit seinem Rollator on tour“, sagt die ehrenamtliche Mobilitätstrainerin beim HVV.
Am Lotsekai angekommen, erwartet die Besucher mit dem Portal-Drehkran ein wichtiges Stück Industriekultur. 2013 wurde der Kai einer Verjüngungskur unterzogen. „Um das Flair zu erhalten, hat man die Schienen für den Kran gelassen und große Platten sowie Kopfsteinpflaster verlegt. Das ist für Blinde verwirrend. Man geht und stupst mit seinem Stock in die Rille, doch dann kommt wieder Stein. Was ist das für eine Fläche?“, verdeutlicht Andreas Schmelt.

Da hat
man richtig
Spaß!
Birgit Przybylski

Weiter geht es durch die Zitadellenstraße zum Schloss samt Park. Im Gebrüder-Cohen-Park wird Blindenführhund Simba aus dem Geschirr entlassen und darf die Gegend erkunden. „Das braucht er auch. Schließlich leitet er mich tagtäglich durch den Alltag und ersetzt mir meine Augen“, sagt Schmelt. Nach einem kurzen Aufenthalt im Park geht es zurück zum Kanalplatz und weiter Richtung Harburger Innenstadt. Während Birgit Przybylski am Kanalplatz den abgesenkten Gehweg und die Sprunginsel problemlos nutzt, ist der abgesenkte Gehweg für Andreas Schmelt lebensgefährlich. „Wenn ich mit meinem Langstock unterwegs bin, kann ich alle Höhenunterschiede unter drei Zentimetern nicht erkennen. Ich weiß nicht, wo der Gehweg aufhört und die Straße beginnt. Das zeigt mir dann Simba an. Ich bleibe dann stehen und höre auf die vorbeifahrenden Autos. Kommen keine mehr, kann ich die Straße überqueren.“
Entlang der Harburger Schlossstraße geht es dann Richtung Innenstadt. Möchte Andreas Schmelt den Bus nehmen, gibt es das nächste Problem. „Rund um die Bushaltestelle gibt es ein taktiles Leitsystem. Doch wann muss ich auf dem Gehweg abbiegen, um zur Haltestelle zu kommen? Da fehlt ein Auffangstreifen“, bemängelt er.
Fazit des Spaziergangs: „Die Gesprächsbereitschaft des Bezirksamtes, alles barrierefrei zu gestalten, ist sehr groß. Hier ist es besser als in den meisten anderen Hamburger Stadtteilen. Aber es gibt noch einiges zu tun“, sagt Andreas Schmelt.

www.barrierefrei-leben.org

Barrierefrei Leben

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