Austern sind nicht jedermanns Geschmack. Foto: Wikimedia/Peter Gugerell
Oliver Lück. Foto: pr

Ich weiß noch sehr gut, was ich als Kind meinen Eltern sagte, wenn sie mir nicht meinen Willen ließen: „Ich werde gleich einen Regenwurm essen!“ Ich vermute, ich glaubte, wenn ich eine so unappetitliche Drohung ausstieß, würden meine Eltern schon nachgeben. Es hat nie geklappt. Und ich kenne bis heute auch niemanden, der mal einen Regenwurm gegessen hat. Sie?
Rückblickend hätte ich den Wurm ruhig runterschlucken können. Denn bis heute war es für mich selten ein Problem, etwas zu essen, das ich zuvor noch nie probiert hatte. Schon als Kind mochte ich Blutwurst, Leber oder Spinat.
In Schweden habe ich kürzlich eine Dose Surströmming geöffnet, in Salzlake vergorener Hering. In Galicien kaute ich vor Jahren mal minutenlang auf einem gegrillten Schweineohr. Im Norden Thailands kostete ich eine extrem bittere dunkelgrüne Grassuppe, die beim Schlachten aus dem zweiten Wiederkäuermagen eines Wasserbüffels entnommen und auf den Straßenmärkten in Eimern verkauft wurde.
In Indonesien aß ich sogar mal einen Hund – was man mir allerdings erst später erzählte. Und in Angola wurde ich wieder und wieder zum Essen farbenfroher, wenn auch etwas stachliger Schmetterlingsraupen eingeladen, die extrem muffig nach tagelang nicht gewaschenen Füßen rochen und zu jeder Mahlzeit serviert wurden.
Doch zurück nach Deutschland: Früher gab es hier mal sehr viel mehr Bauernhöfe, wo es selbstverständlich war, dass Tiere nicht nur geschlachtet, sondern auch vom Kopf bis zum Schwanz gegessen wurden. Auf den Höfen, wo es nur in Kinderbüchern idyllisch schön war, hatte das auch mit Moral und Respekt zu tun.
Heute ist das anders: Selbst Fettränder am Fleisch werden als ekelig empfunden. Das Tier ist zum Filetspender mutiert, dem bloß einige wenige Teile entnommen werden. Der Rest ist Müll. Und denken Sie an dieser Stelle bitte auch an den Menschen, der als Allererster eine Auster schlürfte.
Das hatte gewiss nicht nur etwas mit Essen zu tun – es war ein Abenteuer. Frei nach dem Motto: Wenn der Ekel erst überwunden ist, steht dem Genuss nichts mehr im Wege.

Oliver Lück (46) ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Oliver Lück
Zeit als Ziel – Seit 20 Jahren im Bulli durch Europa
(Conbook-Verlag, 250 Fotos und 140 Kurzgeschichten)

Oliver Lück
Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

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