Gemeinsam kochen und essen: „Tellerrand“, ein Erfolgsprojekt von „Die Insel hilft“, läuft bereits im fünften Jahr in Wilhelmsburg. Weitere Kochabende der Organisation gibt es in Jenfeld, Wandsbek und Altona. Foto: pr
Gabi Schultz (l.) und Nina Bastian engagieren sich bei „Die Insel hilft“. Foto: cvs

Ch. v. Savigny, Wilhelmsburg. Den Anlass gab die Flüchtlingswelle, die 2014 auch nach Hamburg schwappte: „Ohne Unterstützung schaffen die das nicht!“ – so dachten seinerzeit viele auf der Elbinsel und gründeten zunächst eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Die Insel spendet“.
Rund 160 Anwohner hatten sich spontan dazu entschieden, mitzumachen. Gesammelt wurde alles, was die Geflüchteten nach ihrer Ankunft so dringend benötigten: warme Kleidung, Spielsachen, Bettzeug, Schuhe. Per Lastwagen holten freiwillige Helfer die gespendeten Dinge ab, eine stillgelegte Sauna in Kirchdorf-Süd wurde übergangsweise in eine Kleiderkammer umfunktioniert.
In diesen Tagen feiert der Verein, der inzwischen „Die Insel hilft“ heißt, seinen fünften Geburtstag. Die Erstversorgung mit gespendeten Gegenständen ist nun nicht mehr nötig. An ihre Stelle ist eine breite Palette verschiedener Hilfsangebote getreten: Im Vereins-zentrum, dem „Inselhaus“ in Kirchdorf-Süd, bieten ehrenamtliche Pädagogen und andere Freiwillige kostenlose Deutschkurse an. Das „Sprachtandem“ bringt jeweils einen Einheimischen mit einem Geflüchteten zusammen. In erster Linie geht es ums Deutsch lernen – weitere gemeinsame Unternehmungen können sich jedoch anschließen.
Weitere Projekte: Bei „Kultur und Sport“ gehen die Teilnehmer zusammen ins Kino, ins Theater oder zum Beispiel ins Fußballstadion. Tickets werden in vielen Fällen gesponsert. Das „Tellerrand“-Projekt (zurzeit in den Zinnwerken) bringt Alt- und Neu-Wilhelmsburger zum gemeinsamen Kochen und Essen zusammen. Die „Werkstatt ohne Grenzen“ hilft Geflüchteten und jungen Wilhelmsburgern beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt.
Der Verein ist generell auf Spenden angewiesen. Einzelne Projekte wie „Tellerrand“ erhalten gelegentlich kleinere finanzielle Zuwendungen, etwa von ansässigen Firmen. Die Werkstatt ohne Grenzen bekommt 50.000 Euro pro Jahr über den Integrationsfonds des Bezirksamts. Das Geld muss allerdings Jahr für Jahr neu beantragt werden.

Interview mit Gabi Schultz (Vorstand) und Nina Bastian
(Projekt Tellerrand)

Elbe Wochenblatt: Wenn man auf die letzten fünf Jahre zu-
rückblickt – was sind die wichtigsten Entwicklungen und Veränderungen bei „Die Insel hilft“?
Schultz: Ich finde es zunächst einmal bemerkenswert, wie sich ein so gut organisierter und stabiler Verein entwickelt hat. Nachdem es am Anfang um akute Erstversorgung ging, benötigen die Menschen unsere Hilfe nun an anderer Stelle. Wie finde ich einen Job? Wie komme ich an eine Wohnung? Das sind jetzt die typischen Fragen, bei denen wir den Wilhelmsburgern mit und ohne Fluchterfahrung zu helfen versuchen. Es geht um nachhaltige, um dauerhafte Unterstützung, um das Hineinfinden in die Gesellschaft.

Wie läuft das Projekt „Über den Tellerrand“? Wieviele Leute nehmen daran teil?
Bastian: Die Kochabende sind immer gut besucht. Durchschnittlich kommen ungefähr 30 Leute. Zusammen kochen und essen ist eine gute Methode, um einander kennenzulernen. Gegessen wird schließlich überall auf der Welt.

Wie funktioniert die „Werkstatt ohne Grenzen“?
Schultz: In der Werkstatt (am Veringhof, d. Red.) lernen junge Erwachsene – nicht nur Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung, sondern auch Wilhelmsburger – mit Holz und Metall zu arbeiten. Zum Praktischen gehört auch der theoretische Unterricht. Langfristiges Ziel ist die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Mit den Händen zu arbeiten, sorgt zuweilen für einen richtigen Schub von Selbstvertrauen: Wenn man merkt, wie der Mensch wieder Selbstwertgefühl bekommt, sich dadurch auch etwas zutraut und neue Perspektiven bekommt, dann ist das einfach großartig.

Warum engagieren Sie sich bei „Die Insel hilft“?
Bastian: Ich bin vor eineinhalb Jahren von Berlin nach Hamburg gezogen und wollte gerne etwas Ehrenamtliches tun. „Über den Tellerand“ kannte ich sowieso noch aus Berlin. Auch für mich war es damals das perfekte Projekt, um in Hamburg Fuß zu fassen und Freundschaften zu knüpfen.
Schultz: Früher war ich in leitender Stellung bei einer Firma tätig, habe gutes Geld verdient. Das brauche ich heute alles nicht mehr. Mein Wertegefühl hat sich verändert: Ich habe viele Menschen erlebt, die trotz der wenigen Dinge, die sie hatten, Zuversicht und Freundlichkeit gezeigt haben. Das ist die wichtigste und schönste Erfahrung für mich.

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