Hier lernen Schüler für Berufe: Sonja (16) beim Schleifen in der Metallwerkstatt. Foto: cv

Die Produktionsschule Harburg unterstützt
Jugendliche, die es an regulären Schulen schwer haben – ein Artikel aus dem aktuellen Binnenhafen Magazin

Carsten Vitt, Harburg.
Funken sprühen in einer Fontäne in den Raum, schrilles Maschinenkreischen hallt durch die Werkstatt in der Zitadellenstraße. Schülerin Sonja schleift die Kante eines Metallteils ab, aus dem ein robuster Blumenkübel entstehen soll. Anleiter Fritz Lustig guckt hin, gibt Tipps, wie Sonja die Winkelschleifmaschine – landläufig „Flex“ genannt – am besten am Metall ansetzen kann.
Die 16-jährige Jugendliche arbeitet an einem Auftrag in der Produktionsschule Harburg – das ist keine klassische Schule, sondern eine Mischung aus Werkstatt, Betrieb und Jugendhaus.
Praktisches Lernen in Handwerksberufen steht im Vordergrund, mal mit Holz, mal mit Metall, mal mit Elektroinstallationen. „Für Leute, die mit den Händen besser lernen als mit dem Kopf“, sagt Schulleiter Ulf Luth. Anpacken, ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Fähigkeiten entdecken und erweitern – darum geht es im Kern. Zur Produktionsschule im Harburger Binnenhafen gehen Jugendliche, die an regulären Schulen nicht gut zurechtgekommen sind, häufig keinen Abschluss gemacht haben. Aus verschiedenen Gründen: Schwierigkeiten beim Lernen, Frustrationserfahrungen, familiäre Sorgen, pubertäre Rebellion, Verweigerung. „Die Jugendlichen haben häufig negative Schulerfahrungen gesammelt. Sie haben lange gehört, dass sie nichts können“, so Luth. Daher gehe es darum, die Mädchen und Jungen zu stärken, ihre Fähigkeiten zu fördern, Kompetenzen zu entwickeln. Die Heranwachsenden sollen erfahren, was sie können und daraus Selbstvertrauen schöpfen. „Wir fördern sie da, wo sie Talente und Stärken haben, dann können sie auch Dinge besser, die bisher nicht so gut laufen“, erklärt Luth.
Praktisch sieht das in der Produktionsschule, die von der Stiftung Berufliche Bildung betrieben wird, so aus: Es gibt Holz-, Metall und Elektrowerkstätten, in denen die Schüler arbeiten. Zudem einen Gastronomiebereich, der für die Schulkantine kocht und Catering-Aufträge übernimmt. An einem Tag pro Woche gibt es kompakt Unterricht in Mathe, Deutsch und Englisch, an vier Tagen sind die Jugendlichen in den Werkstätten. Die „Lehrer“ heißen hier Werkstattpädagogen, Anleiter oder Ausbilder und sind erfahrene Praktiker. Bürokaufleute, Gas- und Wasserinstallateure, Holzmechaniker. Wie zum Beispiel Fritz Lustig, der mit Sonja und zwei anderen Jungs in der Metallwerkstatt arbeitet. „Handwerkliche Grundfähigkeiten können alle lernen“, sagt er. Mathe kommt in der Praxis dann ins Spiel, wenn die Jugendlichen für den Bau einer Konstruktion berechnen müssen, wie viel Material sie brauchen. Zum Beispiel für die runden Feuerkörbe aus Metall, die in der Werkstatt hergestellt werden. Materiallänge und -menge berechnen, biegen, schweißen – viele einzelne Arbeitsschritte, die bedacht werden müssen.
Das ist auch in der Holzwerkstatt wichtig, wo Chiller-Möbel aus Euro-Paletten oder Nistkästen für Eichhörnchen zusammengebaut werden. Da muss der Umgang mit Hobeln und Sägen genauso sitzen wie das Anfertigen einer Arbeitsskizze. Ausbilderin Heinke Nottelmann freut sich immer wieder über Momente, wenn die Schüler selbst merken, was sie Tolles mit ihren Händen bauen können. „Das Beste ist, wenn jemand aus der Schule geht, einen klaren Blick hat, was er machen will und weiß, er kann was.“

Wir können
nicht jeden
retten, trotzdem
versuchen wir es
Ulf Luth
Schulleiter

Bis dahin haben die Anleiter oft einiges zu tun, um die Grundfertigkeiten zu vermitteln, und um Freundlichkeit und Umgangsformen der Jugendlichen zu verbessern. Anfangs geht es oft ruppig zu, es gibt Konflikte. Für Fritz Lustig zählen daher die Augenblicke, wenn Schüler lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, wie unter Kollegen im Betrieb. „Es ist toll, diese Entwicklung zu sehen. Selbst die ganz harten Jungs kriegt man irgendwann.“ Dafür brauche es Beharrlichkeit – und eine klare Haltung. Seine Methode: „Ich mache klar, dass ich Respekt vor ihnen habe, und den fordere ich dann auch ein.“
Das Ziel der Schule ist, die Jugendlichen fit für eine Ausbildung zu machen. Wer noch keinen Schulabschluss hat, kann diesen nachholen, zudem bieten die Werkstätten Anregungen für mögliche spätere Berufe. Die Perspektiven der Abgänger sind recht gut: Etwa die Hälfte des vorigen Jahrgangs begann laut Leiter Luth nach der Produktionsschule eine Lehre, ein Teil der Schülerschaft hatte weitere Berufsqualifizierungen in Aussicht. Bei manchen klappte es hingegen nicht, Wege in einen Beruf zu bahnen. „Wir können nicht jeden retten, trotzdem versuchen wir es“, sagt Luth.

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