Besuch "Bei Rosi". Foto: max

Im Harburger Fährhaus „Bei Rosi“ gibts zu Bier und
Currywurst schon mal „dolle Geschichten“

Folke Havekost, Harburg.
Statt durstiger Hafenarbeiter kommen heute hungrige Mitarbeiter der Stadtreinigung und bestellen die „Fährhausplatte“, die extra lange Currywurst mit ordentlich Pommes. Ansonsten ist vieles beim Alten geblieben im Harburger Fährhaus am Dampfschiffsweg, das Rosita Schönfeldt seit dem Tod ihrer 73-jährigen Mutter Rosemarie Krokos 2016 in zweiter Generation führt.
„Wenn es uns nicht mehr gäbe, gäbe es ja nur noch Neues“, sagt die Wirtin mit Blick auf die raschen Veränderungen auf der Schlossinsel und im Binnenhafen. Inmitten des Wandels setzt sie auf „Old-School, kein Schickimicki, vernünftige Preise“, zapft das nächste kleine Bier für 2,40 Euro und lässt die Fritteuse brutzeln. Wie ihre Mutter trägt sie den Spitznamen „Rosi“, sodass das Fährhaus auch weiter kurz „Bei Rosi“ genannt wird.
Das Interieur zeugt von einer Zeit, in der der Harburger Hafen noch Arbeitsplatz war und kein Wohnquartier. Von der Decke hängt ein Netz mit Seesternen und Lichterkette, an den Wänden stehen Schiffsmodelle, ein Steuerrad und Rettungsringe dürfen ebenso wenig fehlen wie Fotos von prominenten und weniger prominenten Gästen: Barbara Schöneberger, Heinz Reincke, Christian Anders und Michael Holm zählen zu den bekannteren.
Das Harburger Fährhaus wurde schon 1844 eröffnet, damals diente es neben der Einkehr vor allem dem Fahrkartenverkauf. Zur Kneipe wurde es erst um 1970, als Rosi Krokos dort erst als Bedienung arbeitete und ein knappes Jahrzehnt später den Laden übernahm.
Da war das Fährhaus schon auf die schiefe Bahn geraten. Seit der verheerenden Sturmflut von 1962 ist der Boden leicht abschüssig. „Wenn du in die Kneipe reingehst, wirst du immer schneller“, scherzt Rosita Schönfeldt, die studierte Sozialpädagogin ist, aber keinen Moment zögerte, nach dem Tod ihrer Mutter die Nachfolge anzutreten. „Ich hatte damit gerechnet, dass meine Mutter 100 wird“, sagt die „neue“ Rosi: „Aber wenn es jemand anders übernommen hätte, wäre es komisch gewesen, wenn ich mal vorbeigekommen wäre. Der Gedanke hat mir gar nicht so behagt.“

Wenn du in die Kneipe reingehst, wirst du immer schneller.

Wirtin Rosita
„Rosi“ Schönfeldt
über den abschüssigen
Fußboden

Dann klingelt das Telefon. Eine Zehnergruppe Frauen meldet sich für den Oktober an, eine Geburtstagsfeier im Klubraum, dem Hinterstübchen des Fährhauses, in dem eine elektronische Dartscheibe vom langsamen Einzug der Moderne kündet.
„Früher gab’s die Ewerführer ja noch, die die Schiffe beladen haben“ erzählt Axel, der 1978 als Lehrling zum ersten Mal ins Fährhaus kam: „Da waren viele Hafenarbeiter hier, richtige Haudegen. Heute kommen auch Leute her, die ein bisschen Geld haben. Die fühlen sich hier auch wohl. Hier kann ich mit der Jogginghose hingehen, aber auch im Anzug. So etwas Ursprüngliches gibt es ja kaum noch.“ Das wusste auch Gunter Gabriel zu schätzen, dessen Hausboot gleich um die Ecke lag.
Die Abendschichten schmeißen Rositas Angestellte Barbara, Christina, Sylvia und Lisa. Heute steht Barbara hinterm Tresen. Während sie eine Kiste Astra in den Kühlschrank verfrachtet, summt sie Billy Joels „I love you just the way you are“ mit, das gerade aus dem Radio kommt. „Schmusig, eigentlich nichts für eine Kneipe, aber mir gefällt’s“, sagt die ehemalige Leiterin eines Restaurants auf Gran Canaria, die im Fährhaus anfing, als Rosita übernahm: „Ich habe die Gäste hier lieben gelernt.“
Henrik schiebt ihr einen Zehn-Euro-Schein über den Tresen. Spielgeld. Barbara soll entscheiden, in welchen der beiden Automaten das Geld wandert. Der Gast erzählt derweil: „Es gibt nichts Gleichwertiges in der Umgebung. Hier ist es zwanglos und sogar die Currywurst schmeckt. Man ist hier ab vom Schuss, es ist ein freies Terrain.“
Ein Terrain, auf dem auch Seemannsgarn gedeiht. „Man lernt auch immer wieder Skipper kennen, auch Leute, die über den Atlantik gefahren sind“, berichtet Henrik, der selber segelt: „Je mehr Bier dann getrunken wird, umso doller werden die Geschichten.“
Diesmal ist es ruhig, am Sonnabend zuvor hat Barbara die Kneipe erst um halb Fünf in der Frühe abgeschlossen: „In der Gastronomie weißt du nie, wie lange ein Abend geht. Wenn jetzt fünf Leute reinkommen und Bier, Sambuca und Spaß haben wollen, kann das die Nacht durchgehen, dafür muss der Laden gar nicht voll sein.“
40 Sitzplätze hat das Fährhaus, dichtgedrängt passen gut 100 Gäste hinein, außerdem gibt es ja noch die Terrasse („Kaffeegarten“) mit Rosen und Hecken und einem Bierzwerg, der den Gästen zuprostet.
„Wenn ich in Harburg bin, bin ich immer bei Rosi“, sagt Frank, der in Harburg aufgewachsen und inzwischen 20 Kilometer weit aufs Land gezogen ist. Es gibt Stammgäste, die von weit her kommen, und Neu-Harburger, die auf ihren ersten Touren rund um den Binnenhafen das konservierte Kleinod für sich entdecken.
Als Barbara ihr iPad aufklappt, wird klar, dass – zumindest theoretisch – für jeden Besucher auch die passende Musik bereitsteht. Dutzende Playlist-Ordner für alle Stimmungslagen, ob Pop, Party oder Schlager – da ist das Fährhaus ganz auf der Höhe der Zeit. Barbara wählt den „Habicht“ aus, ein Ulklied von Claus-Dieter Schmolts Projekt „Rio und die Schnarchlappen“. „Das ist eine Art Nationalsong für diese Kneipe“, erklärt die Tresenfrau, ehe Rio loslegt: „Den Habicht, den Habicht, den hab’ ich nicht geseh’n“ – wobei die Wortspiele auch noch etwas weniger jugendfrei werden. Der Sänger selbst empfiehlt: „Man sollte diese Musik möglichst im angeheiterten Zustand genießen.“ Und dafür ist das Harburger Fährhaus sicher nicht der schlechteste Ort.

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