Am 19. September 2019 hatten Globales Lernen Harburg, HARBURG21 und die Initiative Gloria-Tunnel e.V. mit freundlicher Unterstützung des Bezirks Harburg (Energetisches Quartiersmanagement) zu einem Open Air Fahrradkino von 19:30 bis 21 Uhr in der Harburger Innenstadt eingeladen. Der Clou dabei war, dass fünf Zuschauer*innen per Wadenkraft für Strom sorgen mussten. Der Rest konnte sich entspannt zurücklehnen. Hat auch alles bestens geklappt. Rund 50 Pedaleur*innen strampelten begeistert. Selbst das Wetter spielte mit.

Ankunft von Energiefahrrädern und Equipment (Foto Gisela Baudy)Die Sonne wärmte noch immer, als wir gegen 17:30 Uhr begannen, die Fußgängerzone Lüneburger Straße / Lüneburger Tor in ein Open Air Fahrradkino zu verwandeln. Die ersten Schaulustigen stellten sich bald ein.

„Was heißt eigentlich ‚open air'“, wollte ein älterer Herr wissen, nachdem er den Flyer studiert hatte. „Offene Luft oder was?“
„Nein, Freiluft“, bemerkte Jule, FÖJ-lerin von der Bramfelder Laterne, als sie das erste orange-farbene Energie-Fahrrad an ihm vorbei zur Ad-hoc-Sport-Arena zwischen Blume 2000 und City-Apotheke  schob.
„Freiluft? Ich hab lieber Freibier“, prostete der Mitsiebziger ihr mit einer Dose Holstenbier zu und versperrte Ken Richards von „4 Billion Years of Sunlight“ fast den Weg, als dieser den Solar-Strom-Backup für den Beamer zum Vorführ-Areal rollte.

Aufbau der Leinwand. Links Siegfried Kopf, rechts Hans Spors. (Foto Gisela Baudy)Gisela Baudy und ich (beide von HARBURG21) brachten die halbhohen Lautsprechertürme in Stellung, während Siegfried Kopf von der Initiative „Gloria Tunnel“ mit Hans Spors von „Mobile Kunst & Kultur Bühne“ die Leinwand justierte. Tom Hansen von der Morgenwelt GmbH bockte gerade die stromerzeugenden Fahrräder auf, und Stephan Rutschewski vom „Energetischen Quartiertsmanagement Harburg“ assistierte ihm dabei, als sich vier Jungen nach dem Zweck der seltsam anmutenden Drahtesel erkundigten.

Tom Hansen justiert die Fahrräder. (Foto Gisela Baudy)„Das sind Energiefahrräder, mit denen kann man Strom erzeugen. Für die Filme, die wir nachher zeigen wollen“, erklärte Stephan.

„Ach so“, meinten die Jungs und inspizierten den Platz weiter.

„Du? Können wir da auch mitmachen?“ Ahmad (9) winkte seine Begleiter heran und blieb bei Finn Roth und ihrer Kollegin Lea Koch von „Globales Lernen Harburg“ stehen. Die beiden beschäftigten sich gerade mit ihrem Laptop und dem Beamer vom Museumshafen Harburg.
„Aber ja. Gerne“, lachte Finn. „Um halb acht geht es los. So in ca. 15 bis 20 Minuten.
„Cool“, strahlte  Annas (6).
„Du, da geb ich richtig Gas. Und ich fahr richtig weit!“, kündigte Adnan (11) an.
„Also,  mit den Fahrrädern“, sagte  Lea, „bleibt ihr aber hier. Die sind ja fest installiert.“
„Echt?“ Erstaunt blicken die vier zu den  Rädern rüber.
„Voll krass!“, befand Abdullah (11). Vermutlich hatte er sich schon als Sieger im Wettstreit zu seinen etwas kleineren Kumpanen gesehen. Aber hier war die Idee eine ganz andere: nicht gegeneinander, sondern miteinander etwas bewegen – Tonwellen generieren und Bilder laufen lassen.

Das Filmradeln beginnt. (Foto Gisela Baudy)Mit einsetzender Dämmerung  waren alle Fahrräder festgezurrt, die letzte Kabelverbindung zwischen Rädern, Laptop, Beamer und der  Lautsprecher-Anlage stand, die mobile Leinwand überblickte standfest die Stuhlreihen davor, und die ersten Freiwilligen strampelten bereits begeistert los: das neugierige Quartett von vorhin und Alaya (12). 50 Erwachsene aller Altersstufen hatten Platz genommen oder verfolgten das Geschehen aus bequemer Entfernung neben ihren eigenen „echten“ Fahrrädern und stellten Fragen. Etwa nach Energiefahrrädern für Kinder – die es tatsächlich gibt – oder mit (zusätzlichem) Handbetrieb  – wie dies in einem der Kurzfilme („15 Minutes left“ von Josephine Links und Jule Fröhlich) zu sehen war. Oder nach der Anzahl nötiger Energiefahrräder, um einen Wasserkocher (mit 2000 bis 2400 Watt)  zu betreiben. Es sind tatsächlich 20!

Weiter geht's mit dem Filmradeln. (Foto Gisela Baudy)Der anderthalb-minütige Animations-Film „Cycle“ von Amir Porat und Mor Israeli eröffnete den Kinoabend: Verschiedene Menschen radelten über den Bildschirm auf eine geöffnete Schranke zu. Es folgte eine bunte Mischung von zehn kurzen Filmarbeiten, die sich zwischen einer und neun Minuten lang mit Klima  (etwa das „Klimagericht“ von Germanwatch), Konsum (zum Beispiel „Müll im Meer“ von Lea Matthiesen & Arne Rocksien) und Nachhaltigkeit (etwa „Der letzte Gärtner“ von Johannes Dreibach und Jan Casper) auseinandersetzten.

Fimradeln (Foto Gisela Baudy)Das rund 45 minütige Vorführprogramm lief ohne energetische Ausfälle – weder technischer noch menschlicher Art. Denn die (Hinter-) Räder drehten sich fast pausenlos unter der Tretleistung begeisterter großer und kleiner Pedaleur*innen. Beim Wechsel von einer oder einem Freiwilligen zum nächsten Sportsfreund ging die Arbeitsleistung des jeweiligen Pedal-Kraftwerks kurzfristig zwar auf null. Doch das fiel überhaupt nicht auf, weil immer nur jeweils ein „Umstieg“ stattfand.

Passanten kommen mit eigenen Fahrrädern (Foto Christian Baudy)Die Dämmerung  war langsam in den Nachthimmel übergegangen, als der letzte Film gezeigt wurde. Den Radler*innen war einigermaßen warm geworden, was die übrigen Zuschauenden wegen der herbstlichen Abendtemperaturen nicht behaupten konnten. Klar, physikalisch gesehen hatten die Strampler*innen durch ihre körperliche Arbeit für doppelte Energiezufuhr gesorgt, denn sie bedienten nicht nur die Vorführ-Technik, sondern auch sich selbst –  und das im Team.

Aufräumen nach dem Fahrradkino (Foto Christian Baudy)Gegen 21 Uhr ging ein erfolgreicher Kinoabend zu Ende. Vielfach bedankten sich die Teilnehmer*innen bei uns für die „tolle Veranstaltung“, fanden die Idee „witzig“ und geradezu „sportlich“. Der abschließende Applaus bestätigte die Netzwerk-Akteur*innen darin, dass neben der praktischen Ausrichtung  auch Spiel und Spaß  äußerst geeignete Methoden zur Vermittlung zukunftsgerechter Themen sind.

Text. Chris Baudy
Fotos: Gisela Baudy (1-6, 9, 10), Chris Baudy (7, 8)

Veranstalter bzw. Unterstützer v. l. n. r.: HARBURG21, Finn Roth und Lea Koch von Globales Lernen Harburg, Stephan Ruschewski vom Quartiersmanagment Harburg. Nicht im Bild: Siegried Kopf von der Initiative Gloria Tunnel. (Foto Gisela Baudy) Die Netzwerkaktion machten möglich:
> Globales lernen Harburg
> HARBURG21
> Initiative Gloria Tunnel

in Kooperation mit:
Bramfelder Laterne  (Weltladen & Infozentrum)
V.l.n.r.: M-K-K-B, Lea Koch und FÖJ-lerin Jule von Globales Lernen Harburg (Foto Gisela Baudy)MuseumsHafen Harburg (MuHaHar) => muhahar.de
Morgenwelt GmbH => morgenwelt.de
Mobile Kunst & Kultur Bühne e.V. (M-K-K-B) => www.mobile-kunst-kultur-bühne.de
4 billion years of sunlight => www.4billion.de

mit freundlicher Unterstützung vom:
Energetisches Quartiers-Management

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