Im Wald sind zahlreiche Einbrüche zu erkennen. Foto: BWVI
Im Dezember 2017 führte Rolf Weiß im Bereich Ehestorfer Heuweg Bodenradarmessungen durch. Foto: weiß
Der Streckenplan des Bergwerks Robertshall. Foto: pr

Boden über einem ehemaligen Bergwerksstollen eingebrochen – Straße monatelang komplett gesperrt – Experte hatte vergeblich gewarnt

Olaf Zimmermann, HAUSBRUCH.
Die leidgeprüften Anwohner des Ehestorfer Heuwegs müssen zwei weitere Hiobsbotschaften verkraften: Der Ehestorfer Heuweg bleibt voraussichtlich bis Jahresende komplett gesperrt. Und, fast noch schlimmer: Einige Bereiche sind von 100 Jahre alten Stollen des ehemaligen Bergwerks Robertshall durchzogen, deren genauen Zustand niemand kennt. Konkrete Hinweise auf mögliche Gefahren wurden offenbar ignoriert.

Was ist passiert?
Während der Straßenbauarbeiten war an einer Stelle der Untergrund eingebrochen und ein fast fünf Meter tiefes Loch entstanden. Ein unter der Straße liegender ehemaliger Bergwerksstollen war eingebrochen. Bevor weitergearbeitet werden kann, muss durch Bohrungen erkundet werden, wo sich weitere Hohlräume befinden. Anschließend müssen diese Hohlräume mit einem speziellen Beton verfüllt werden.

Was sagt die zuständige Verkehrsbehörde?
„Weder der Fahrbahnzustand, noch das Umfeld erforderten eine umfangreiche Grundinstandsetzung. Es bestand kein Bedarf für tiefergehende Bodenerkundungen. Demzufolge sind die Baugrunduntersuchungen nur auf den Straßenflächen erfolgt, die instandgesetzt werden sollten“, teilte Christan Füldner, Sprecher der Verkehrsbehörde, mit. „Bei diesen Untersuchungen wurden keine Aufwerfungen des Asphalts (sogenannte Verdrückungen) festgestellt. Daher ist der Landesbetrieb zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass der Stollen verfüllt ist und die Böden somit tragfähig sind. Dies wurde durch die Baugrunduntersuchungen bestätigt, bei der keine Auffälligkeiten festgestellt wurden.“

Was meint ein Experte?
„Die Straßenbereiche – es gibt hier insgesamt etwa 13 Querungen – wurden wohl verfüllt, aber nur von Hand. Maschinen wurden nie eingesetzt. Ein ‘von Hand Verfüllen’ hat nie die Qualität wie das Verfüllen mit geeignetem Material wie Beton. Deswegen kann auch nach 100 Jahren noch mit Nachsackungen gerechnet werden“, urteilt Rolf Weiß (Verein Bergwerk Robertshall), Geschäftsführer der Zweitehandhaus GmbH Immobilienverwertung. „Ich habe bisher 15 Bergwerksanlagen im Bestand gehabt und beruflich daher mit Bergwerksanlagen seit 15 Jahren Erfahrung.“ Jetzt unterstützt er den von der Stadt beauftragten Gutachter bei der Erstellung eines Sanierungskonzepts.

Hätten die Behörden von den einsturzgefährdeten Stollen wissen müssen?
Ja. Rolf Weiß hat im Jahr 2000 auf eigene Kosten mit Genehmigung des Forstamtes dort zwei Tage lang Bohrungen durchgeführt. Dabei wurden auch zwei Stollen entdeckt, die nicht zusammengebrochen waren. Im Dezember 2017 (!) führte Weiß mit einem Team Bodenradarmessungen durch. „Wir haben zwei Hohlräume unter der Straße in 17 Meter Tiefe gefunden. Laut Stollengrundriss befanden sich dort Stollen. Außerdem haben wir an zwei weiteren Stellen in einer Tiefe von etwa fünf bis sieben Metern Bodenirritationen gefunden. Der Berg ist aktiv. Die unserer Meinung (…) als bedenklich gehaltenen Bereiche habe ich mit Signalfarbe markiert und der Stadt Hamburg, Bezirksregierung Harburg, Frau Rajski, gemeldet. Es kam außer einer telefonischen Eingangsbestätigung nichts.“

Wer ist zuständig dafür, dass von den Stollen keine Gefahr ausgeht?
Das scheint unklar. Hamburg schiebt den Schwarzen Peter nach Niedersachsen, von dort kommt er aber umgehend zurück. „Nach Auffassung des LSBG (Landesbetrieb Straßen, Brücken, Gewässer, d.Red) ist das Land Niedersachsen zuständig. Die Stollen liegen unmittelbar hinter der Landesgrenze im Bereich von Niedersachsen“, teilte das Bezirksamt Harburg Ende August auf Anfrage mit.
Christoph Ricking, Sprecher des Niedersächsischen Wirtschafts- und Verkehrsministeriums, sieht das ganz anders: „Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) nimmt die Funktion der Bergbehörde auch für Hamburg wahr. Daraus ergibt sich aber keine Zuständigkeit des Landes Niedersachsen.“

Kommentar des Harburger Bürgerschaftsabgeordneten Kurt Duwe (FDP): „Wenn Hamburger Behörden Bauarbeiten an ‘Bergstraßen’ nicht können, wäre besser Amtshilfe aus Niedersachsen angefordert worden. Dass in der Nähe einer Stichstraße mit dem unschuldigen Namen ‘Am Bergwerk’ auch noch Stollen eines stillgelegten Bergwerks nahe an der Oberfläche liegen könnten, kann ja auch niemand ahnen. Es war extrem fahrlässig, nicht umfangreiche Untergrunderkundungen zuvor in Auftrag gegeben zu haben. Das alles müssen wieder Anwohner und Pendler ausbaden.

Anlieger des Ehestorfer Heuwegs und angrenzender Straßen treffen sich am Dienstag, 8. Oktober, um 19 Uhr im „Landhaus Jägerhof“, Ehestorfer Heuweg 12-14, um über die Auswirkungen der Vollsperrung und über das weitere Vorgehen zu beraten.

Diese Fragen sind noch offen
Die folgenden Fragen wurden von der Verkehrsbehörde bis Redaktionsschluss nicht beantwortet:

– Wie wird der Bereich genau kontrolliert? Durch in Augenschein nehmen? Durch Messungen? Wie oft?

– Wie weit ist das Gelände der Waldorfschule von der Versackung entfernt?

– Gibt es unter dem Gelände der Schule Stollen? Wie ist deren Zustand? Sind diese maschinell verfüllt worden?

– Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit die Bauarbeiten weitergehen können?

 

Hintergrund: Bergwerk Robertshall
Im Bergwerk Robertshall, gelegen in den Harburger Bergen, wurde ab Dezember 1919 Braunkohle gefördert. Die Kohle ging ausschließlich nach Harburg an die Vereinigten Gummiwaaren Fabriken. Im Dreischichtbetrieb waren je 60 Mann unter und etwa acht Mann über Tage im Einsatz.
Nachdem sich die Hamburger Kohleversorgung durch Lieferungen aus dem Ruhrgebiet in den 1920er Jahren wieder konsolidierte, sank der Kohlepreis – und die Förderung der Harburger Kohle wurde zunehmend unrentabel. Am 22. September 1922 wurde der Bergbaubetrieb eingestellt.
Über dieses Datum hinaus wurden noch etwa 15 Mitarbeiter beschäftigt. Ihre Aufgabe war es, die geschätzt 25 Kilometer lange Stollenanlage zu verfüllen. Laut Schreiben des Bergwerk-Direktors Robert Bilke an das Bergamt Celle soll diese Aufgabe am 17. Oktober 1922 abgeschlossen gewesen sein. Das Bergamt glaubte den Angaben und zahlte die 50.000 Reichsmark Kaution zurück. Schon 1926 begannen die Stollen überall einzustürzen.
Quelle: Rolf Weiß (Verein Bergwerk Robertshall)

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