Marvin Willoughby, Geschäftsführer und sportlicher Leiter bei den Hamburg Towers. Foto: Towers

Marvin Willoughby, Sportlicher Leiter und Geschäftsführer der Hamburg
Towers, im Wochenblatt-Interview

Olaf Zimmermann/Matthias Greulich, Wilhelmsburg
Er ist in Wilhelmsburg aufgewachsen, startete seine Basketball-Karriere bei der Turnerschaft Harburg, spielte in Würzburg mit Dirk Nowitzki zusammen, absolvierte 35 Länderspiele für Deutschland, musste seine Profi-Laufbahn nach mehreren Verletzungen aber früh beenden: Marvin Willoughby. 2006 gehörte er zu den Mitbegründern des Hamburger Vereins „Sport ohne Grenzen“. Dessen Ziel: mit Sport Gutes tun, Kids von der Straße holen, Perspektiven schaffen. Zusammen mit Freunden gründete Willoughby 2009 erst die Piraten Hamburg, in deren Teams die besten Hamburger Basketballtalente spielen, später dann die Hamburg Towers. Ende April 2019 schafften die Towers den Aufstieg in die Basketball-Bundesliga. Willoughby ist sportlicher Leiter des Teams und zusammen mit Jan Fischer Geschäftsführer der Towers. Im Wochenblatt-Interview beantwortet Marvin Willoughby 14 Fragen.

„Geld gewinnt Spiele“: Wenn diese Fußballplattitüde auch beim Basketball gilt, stehen den Towers mit ihrem vergleichsweise geringen Etat schwere Zeiten bevor, oder? Die Plattitüde gilt in der Spitze, wo der FC Bayern den mit Abstand finanziell und leistungsmäßig stärksten Kader besitzt. Wir befinden uns mit unserem Etat in einem Cluster des unteren Drittels, haben aber vergangene Saison als Zweitliga-Meister schon bewiesen, dass wir mit Selbstvertrauen und Teamgeist finanzkräftigere Gegner besiegen können.

Die Towers sind mehr als andere Erstligisten darauf angewiesen, talentierte Spieler zu entdecken und zu verpflichten. Wie groß ist ihr Scouting-Team? Wo wird gescoutet? Unser Scouting-Team besteht aus Sportdirektor Marvin Willoughby, Headcoach Mike Taylor, den Assistenten Benka Barloschky und Austen Rowland, einer Scouting-Firma sowie Spieleragenten, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Aufgrund des großen Netzwerks, vor allem von Mike, ist es möglich, weltweit zu scouten. Unser Center Prince Ibeh hat beispielsweise vergangene Saison auf den Philippinen gespielt. Kahlil Dukes aus der zweiten russischen Liga war auf dem Radar, da er zuvor starke Leistungen in der US-amerikanischen College-Liga gebracht hat.

Wer entscheidet über Verpflichtungen? Der Sportdirektor oder der Headcoach? Immer beide zusammen. Wenn einer der beiden einen Spieler nicht mag, wird er nicht geholt. Wenn beide ihn wollen, wird er verpflichtet.

Wie schätzen Sie den aktuellen Towers-Kader ein? Wo liegen Stärken, wo könnte es schwierig werden? Wir sind qualitativ besser und vor allem tiefer aufgestellt. Dazu sind wir sehr unberechenbar, wir haben keinen eindeutigen Star, auf den sich der Gegner fokussieren kann. Auf den großen Positionen ist der Kader deutlich athletischer und vielseitiger aufgestellt. Ein Problem könnte zunächst die mangelnde Erstliga-Erfahrung einiger Akteure werden. Wo wir mit unserer Qualität in der Bundesliga stehen, müssen wir sehen.

Wie lange können Sie ein Talent wie den Harburger Justus Hollatz halten? Wir sind ein sehr guter Standort, daher kann das – abhängig von Justus‘ und unserer Entwicklung – sehr lange sein. Im Sommer hat Justus erst einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben.

Headcoach Mike Taylor war während der Vorbereitung meist nicht beim Team, er betreute die polnische Mannschaft bei der WM in China. Vorbereitung ohne Cheftrainer – kann das funktionieren? Dass das funktionieren kann, haben wir schon in der Vorsaison erlebt. Auch damals war Mike mehrfach mit der polnischen Nationalmannschaft bei WM-Qualifikationsspielen unterwegs. Während dieser Phasen hat Benka Barloschky das Training übernommen, wie nun in der Vorbereitung auch. Die beiden sind im täglichen intensiven Austausch, telefonieren und skypen ständig. Es hätte nicht funktioniert, wenn wir nicht darauf vorbereitet gewesen wären.

Bei Heimspielen bleibt in der edel-optics.de Arena kaum ein Platz frei. Werden die Towers zu groß für Wilhelmsburg? Gehen die Towers für einige Spiele in größere Hallen? Um genau zu sein, bleibt gar kein Platz frei. Wir sind seit November 2018 immer ausverkauft gewesen. Für einige Spiele wie gegen die Bayern oder ALBA Berlin besteht die Überlegung, in die Barclaycard-Arena oder die Messehallen auszuweichen. Wir möchten schließlich möglichst vielen Hamburgern die Möglichkeit bieten, Towers-Spiele zu sehen. Unsere Heimat ist und bleibt aber Wilhelmsburg.

In der Vergangenheit haben viele Towers-Spieler in Wilhelmsburg gewohnt – und sich im Stadtteil wohlgefühlt. Vermitteln Sie Ihren Spielern immer Wohnungen auf der Elbinsel? Aufgrund unseres Partners SAGA verfügen wir über zahlreiche Wohnungen auf der Elbinsel in unmittelbarer Nähe zur Arena. Einige Spieler wohnen allerdings auch nördlich der Elbe.

Die Towers möchten ein ganz normaler Quartiersverein werden, auch mit mehreren Sparten. Streben Sie Kooperationen mit im Stadtteil etablierten Vereinen wie zum Beispiel dem SV Wilhelmsburg an? Beim Aufbau eines großen Quartiersvereins ist es unabdingbar, mit den ansässigen Vereinen ins Gespräch zu kommen. Wie genau eine solche Zusammenarbeit im Detail aussieht, ist noch nicht final geklärt. Feste Kooperationen wie eine Spielgemeinschaft wird es nicht geben.

Woher kommen die Fans der Towers? Mittlerweile aus fast ganz Hamburg und Umgebung. Das hat eine Untersuchung ergeben. Der größte Anteil ist aber nach wie vor von der Elbinsel.

Sind die Jugendlichen in Wilhelmsburg stolz auf die Towers? Das müssen Sie die Jugendlichen fragen. Allgemein werden die Towers in Wilhelmsburg aber sehr positiv gesehen. Wilhelmsburg ist ein Stadtteil im Wandel und wird auch durch uns positiv wahrgenommen.

Verfolgt Ihr Kumpel Dirk Nowitzki, was bei den Towers passiert? Dirk Nowitzki ist ein sportbegeisterter Mensch. Laut eigener Aussage befasst er sich in seinem Ruhestand nun aber mehr mit Chips und Cola als mit den Towers.

Können Sie einem Bayern-Fan in einem Satz erklären, wofür die Towers stehen? Wir verfolgen einen anderen Ansatz als die meisten anderen Vereine, sehen uns aber deshalb weder als besser noch schlechter an.

Im ersten Erstligaspiel müssen die Towers gleich beim Deutschen Meister Bayern München ran. Würden Sie zehn Euro auf einen Towers-Sieg setzen? Nein. Aber als Vereinsinterner darf ich sowieso nicht wetten.

Rund um die Towers

Zum Kader der Towers gehören: Tevonn Walker (Trikotnummer 6, Größe: 1,88 Meter, Position: Shootimg Guard); Osaro Jürgen Rich (3; 1,85; Point Guard); Justus Hollatz (21; 1,91; Point Guard), Rene Kindzeka (11; 1,85; Point Guard); Kahil Dukes (10; 1,80; Point Guard); Yannick Franke (0; 1,96; Point Guard); Kevin Yebo (53; 2,05; Forward); Beau Beech (5; 2,05, Forward); Marshan Powell (33; 2,01, Forward); Marvin Ogunsipe (26; 2,04; Forward); Malik Müller (12; 1,90; Forward); Jannik Freese (13; 2,11; Center) und Prince Ibeh (1; 2,08; Center).
Transfer-Coup: Heiko Schaffartzik (35), 115-maliger Nationalspieler, zweifacher Deutscher Meister und Pokalsieger, hat bei den Towers einen Einjahresvertrag unterschrieben. In der vergangenen Spielzeit musste Schaffartzik wegen einer Knieverletzung pausieren.
Im ersten Bundesliga-Spiel müssen die Towers am Montag, 30. September, 20.30 Uhr, gleich beim Deutschen Meister Bayern München ran. Das erste Heimspiel findet am Freitag, 4. Oktober, um 20.30 Uhr gegen den Mitteldeutschen Basketball Club statt.

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