Ich dachte, wenn nicht hier, wo dann? Stephan Reimers über die Gründung von Hinz & Kunzt Foto: PR

M. Greulich, Hamburg-West

Am ersten Verkaufstag von Hinz & Kunzt tat sich erst mal nichts. Die Idee eines Magazins, das von Obdachlosen verkauft wurde, war noch neu. „Die Passanten gingen achtlos vorbei. Meine Gefühle in diesen Minuten wird man sich leicht vorstellen können“, schreibt Stephan Reimers, der das Projekt im November 1993 in Hamburg vorangetrieben hatte, in seinem Buch „Hamburger Mutmacher“.

Vor Karstadt in der Mönckebergstraße bildete sich schließlich doch eine kleine Menschentraube. Verkäufer Volker hatte Reimers’ damals zwölfjährigen Sohn Johannes dabei, der als menschliche Litfaßsäule fungierte. „Als ich vorbeiging, raunte mir mein Sohn zu: ,Es läuft toll.’“

Geld für Rathauspassage vom Kaffeeunternehmer

Die Idee der Obdachlosenzeitung kam aus London. „Die mit einem ‘Fairnessgefühl’ (Reimers) ausgestatteten Hamburger haben sie positiv aufgenommen. Am 6. November 1993 wurden 6.000 Zeitungen von 25 Verkäufern abgesetzt. „Später, als Volker seine Einnahmen zählte, zweigte er ein Fünf-Mark-Stück ab und schob es meinem Sohn zu. Der überlegte einen Augenblick, dann nahm er es an“, schreibt Reimers.

In seinem Buch beschreibt der Theologe und damalige Leiter des Diakonischen Werks, wie er nach Hinz & Kuntz in Hamburg noch fünf weitere Projekte für Menschen anschob, die unter Armut, Obdachlosigkeit und Isolation leiden. Die Hamburger Tafel, das Hamburger Spendenparlament, die Kirchenkaten, der Mitternachtsbus und die Rathauspassage sind zu Erfolgsgeschichten geworden.

Viele Hamburger haben diesen Erfolg möglich gemacht – auch in den Elbvororten. Als für den aufwändigen Umbau der Rathauspassage noch 200.000 Mark fehlten, bekam Reimers einen Anruf eines Steuerberaters. Ein Mandant von ihm, würde gerne mal mit ihm sprechen. Es war der damals 99-jährige Bernhard Rothfos, der mit dem Kaffeehandel reich geworden war.

Reimers besuchte den sehr angenehmen älteren Herrn in Nienstedten, der ihm zwei Stunden aus seinem Leben erzählte. Als die Sprache auf das Geld für die Rathauspassage kam, sagte Rothfos lapidar: „Das können wir machen. Haben Sie noch ein Projekt?“ So kam es auch noch zur Unterstützung von vier Kirchenkaten im Volkspark.

Stephan Reimers berichtet in seinem sehr gelungenen Buch von Gesprächen mit Spendern, Politikern und Obdachlosen. Er schildert, wie ein Team entstand, das sich mit Mitmenschlichkeit und Verantwortung einsetzt, aber er spart auch die Kritik nicht aus, die gegenüber den Projekten, die aus der Stadt schon lange nicht mehr wegzudenken sind, laut wurde.

❱❱ Stephan Reimers: Hamburger Mutmacher, Hamburg 2018, Ellert&Richter Verlag, 144 Seiten, 9,95 Euro

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