Kommt das 365-Euro-Jahresticket? Bislang scheitert die Idee an zu hohen Kosten. Foto: mg

M. Greulich, Hamburg

Was haben die SPD-Bundestagsfraktion und Fridays for Future gemeinsam? Beide machen sich für die Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets im HVV stark. Die Klimaschützer fordern es sofort, die Sozialdemokraten im Bundestag wollen Hamburg bei der schrittweisen Einführung unterstützen. Im Bürgerschaftswahlkampf steht es in seltener Eintracht im Wahlprogramm der Linken. Die CDU will es neben Senioren auch Hamburgern, die ihr Auto abmelden, ermöglichen. Das Vorbild für die einen Euro pro Tag teure Jahreskarte ist Wien, wo es seit 2012 für ansteigende Fahrgastzahlen sorgt.

Berlins Michael Müller (SPD) liebäugelt mit einer schrittweisen Einführung, die Genossen in Hamburg konnten sich aus Kostengründen bislang dazu noch nicht durchringen. Immerhin wird es im kommenden Jahr für Auszubildende eingeführt.

In Wien war die Jahreskarte
zuvor schon viel billiger

Beim Koalitionspartner im Senat wird das ähnlich gesehen.
Martin Bill, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion sagt: „Grundsätzlich finde ich ein 365-Euro-Jahrestickets eine sehr charmante Idee, mit der die Fahrgastzahlen des HVV nach oben gebracht werden können. Allerdings müssen die wegfallenden Einnahmen kompensiert werden. Aus meiner Sicht ist es derzeit wichtiger, in die Infrastruktur zu investieren.“
Philine Gaffron vom Institut für Verkehrsplanung und Logistik der TU Hamburg verweist darauf, dass die Jahreszeitkarten in Wien vorher zwischen 449 und 458 Euro gekostet haben. Die Preissenkung fiel im Verhältnis also deutlich geringer aus, als es bei derzeitigen HVV-Preisen der Fall wäre. „Damit könnte so ein Angebot in Hamburg schon eine größere Wirkung entfalten, als in Wien“, so Gaffron. „Es würde aber auch eine größere Finanzierungslücke entstehen.“

Wenn es um einen Umstieg vieler Menschen auf den HVV geht, dann „spielt natürlich auch das Angebot eine Rolle. Überfüllte Busse, die im Stau stehen, und unpünktliche Bahnen sind nicht so sehr attraktiv. Wir brauchen Kapazitätssteigerungen – dichtere Takte und gerade auch in den äußeren Bereichen mehr Angebot, auch in den Randzeiten“, sagt Gaffron „Hier ist ja auch schon einiges in Planung.“ Außerdem müsse sich im Schienenverkehr die Instandhaltung verbessern.

Sie beschreibt das derzeitige Tarifsystem des HVV als unhandlich: „Wenn ich versuche, das Menschen aus anderen Städten zu erklären, sehe ich oft in verständnislose Gesichter, sogar bei Fachkolleginnen und -kollegen.“
Aus Sicht der Mobilitätsforscherin gibt es „für die Verkehrswende nicht die eine Stellschraube. Ein öffentlicher Nahverkehr mit hoher Takt- und Liniendichte, den sich auch Menschen mit wenig Geld leisten können, ist ein Baustein. Aber die sogenannten push-Maßnahmen, die die Menschen dann aus dem eigenen Auto raus in Busse und Bahnen oder auf das Rad bringen, die sind auch ganz wichtig.“

3 KOMMENTARE

  1. Die Fachfrau und der Grüne Politiker haben die richtigen Rezepte erwähnt.
    Also,
    -Öpnv ausbauen, selbstverständlich auch mit der Stadtbahn und nicht mit viel zu teuren U Bahnen( z.B 510 Mio für 1,9 km in Jenfeld)
    -Mal 5 Jahre mit Preiserhöhungen aussetzen
    – Innenstadt weitgehend autofrei
    – Radverkehr ausbauen und mehr Platz geben

    Es eigentlich sehr einfach, die Spd Idee mit dem 365 Euro ist nicht zu finanzieren bei gleichzeitig benötigten Ausbau. Aber solche „Schaufenster“ Ideen ist man ja von der Spd gewohnt.

  2. Ich habe mir wieder ein Auto gekauft. Natürlich einen günstigen Diesel, ich bin Anlieger an der Stresemannstraße und darf da fahren. Der Öffentliche Nahverkehr hier, sprich die Linie MetroBus 3, ist über die Kapazitätsgrenzen hinaus belastet und vor allem für ältere oder behinderte Mitbürger nicht brauchbar. Für Rollstuhlfahrer oder Rollator Benutzer ist oft kein Platz und der Weg zu den Sitzplätzen für Schwangere oder Gehbehinderte wegen Überfüllung versperrt. Auch die erhöhte Taktung und „Extrabusse“ zu Stoßzeiten bringen kaum Besserung. Die Busse sind oft so voll, dass Ein- und Aussteigen zu lange dauert und nachfolgende Busse auffahren. Eine Kolonne von drei „Linie 3“ Bussen hintereinander kommt schon mal vor. Wer jeden Morgen bequem und entspannt von Tiefgarage zu Tiefgarage fährt, wird niemals diesen ÖPNV benutzen und sich im Gedränge den Anzug versauen. Das wird jeder Politiker oder Mobilitätsforscher bestätigen der einen PKW mit Garagenplatz besitzt.

  3. @ Thorsten Weigel.
    Sie beschreiben sehr schön, wie das SPD Mantra Busverkehr auf hochbelasteten Linien (z.B. M 3,15,5) in die Sackgasse führt, weil sie sich aus ideologischen Gründen gegen die Stadtbahn sperrt.

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