Es ist nicht zu übersehen: Wilhelm Simonsohn (100) hat eine Menge für Maritimes übrig. In seinem Wohnzimmer in Bahrenfeld zeigt er dem Besucher ein Schiffsmodell. Foto: mg

Matthias Greulich, Hamburg-West

So oft es geht ist das Hohe Haus in Bahrenfeld zu Gast. Wilhelm Simonsohn versäumt selten eine Debatte des Bundestags im Fernsehen. „Mein Leib- und Magensender ist Phoenix. So kann ich live dabei sein“, sagt er. Als politischer Mensch nimmt er Anteil am aktuellen Weltgeschehen. Vor einigen Wochen nahm er gemeinsam mit seinen Töchtern, Enkeln und Urenkeln an einer Fridays for Future-Demonstration teil. „Es war ein seltenes Bild, wie wir mit vier Generationen auf dem Hamburger Rathausmarkt saßen“, sagt er.

Am 9. September wurde das älteste Mitglied der Hamburger Zeitzeugenbörse 100 Jahre alt. Mit seiner Familie feierte er in Sagebiels Fährhaus. Das Restaurant mit Elbblick haben seine Töchter nicht zufällig ausgewählt, denn ihr Vater liebt seit seiner Kindheit alles Maritime. „Mein Vater war zur See gefahren, er konnte die Begeisterung für die Schiffahrt in mir wecken“, sagt Wilhelm Simonsohn.

„Das Fahrgestell macht
nicht mehr mit“

Bis ins hohe Alter war Wilhelm Simonsohn noch lange erstaunlich drahtig. „Doch nun macht mein Fahrgestell nicht mehr mit“, sagt er lapidar. Die 28 Stufen bis zur Haustür sind ihm zum Hindernis geworden. Der zunehmend Gebrechliche bekommt bald einen Treppenlift, um in seiner Wohnung, in der er seit 57 Jahren lebt, bleiben zu können. Doch wer den 100-Jährigen erlebt, ist beeindruckt wie präzise er sich erinnert. Besuche bei diesem angenehmen Gesprächspartner in Bahrenfeld können mehrere Stunden dauern, nur unterbrochen von der gelegentlichen Frage: „Ich langweile Sie doch nicht, oder?“

Sein Erzähltalent macht ihn zu einem begehrten Zeitzeugen, der in Schulklassen immer noch regelmäßig aus seinem Leben berichtet. Im August war er für sein Engagent für die Demokaratie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden (das Elbe Wochenblatt berichtete).

Das japanische Fernsehen hatte Simonsohn mit der Kamera zu mehreren Schauplätzen seiner Kindheit und Jugend begleitet. Die Interviews mit ihm waren Teil einer Dokumentation, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen während des Staatsbesuches von Angela Merkel im Februar sendete.

Das japanische Kamerateam filmte ihn unter anderem bei einem Besuch auf dem Friedhof, wo seine 2005 verstorbene Frau Liesel begraben liegt. Es ist, wie Simonsohn mit trockenem Humor bemerkt, ein „Angeberfriedhof“ in Nienstedten. Das Familiengrab ist dort, weil sein Großvater ein vermögender Glasfabrikant war. In Japan sorgte weniger das schöne Nienstedten als der Grabstein für Aufsehen, den Wilhelm Simonsohn dort, versehen mit seinem Geburtsdatum 9. September 1919, hat aufstellen lassen. „Mein Enkel ist mit einer Japanerin verheiratet und lebt in Yokohama. Seine Schwiegereltern sahen den Film. Er hat sie beeindruckt.“

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