Der Pilot neben seinem Flugzeug. Foto: archiv Simonsohn
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Matthias Greulich, Hamburg-West

Im Morgengrauen wurde der junge Soldat von Flugzeugen geweckt, die über seiner Einheit in Richtung Osten flogen. „Die Motorengeräusche waren für uns das Signal dafür, dass der Krieg gegen Polen begonnen hatte“, sagt Wilhelm Simonsohn. Es war der 1. September 1939 und Simonsohn war im schlesischen Brieg bei einer Luftaufklärungsstaffel des Heeres stationiert.

Wilhelm Simonsohn, der in Bahrenfeld aufwuchs und am 9. September seinen 100. Geburtstag feiert, ist einer der letzten Zeitzeugen, die von Hitlers Überfall auf Polen berichten können.
Der damals 19-Jährige sorgte als „Bildsoldat“ dafür, dass das Heer Luftaufnahmen der Kampfgebiete bekam. Der Bahrenfelder brachte die Fotos per Motorrad vom Feldflugplatz zum Heereskorps. „Ich agierte relativ weit weg von der Front. Das Geschehen war für mich eher unter dem Konto ,Abenteuer’ zu buchen.“ Als Warschau am 28. September 1939 kapituliert hatte, änderte sich das. Nur einen Tag später fuhr Simonsohn mit seinem Krad, einem Motorrad mit Beiwagen, in die zerstörte polnische Hauptstadt.

Mit 99 auf der Fridays-for-
Future-Demonstration

„Der penetante Geruch der menschlichen Leichen und der Kadavergeruch der Pferde haben mir das Elend eines Krieges erst so richtig ins Bewusstsein gebracht.“
Simonsohn, der später eine Ju 52 fliegen sollte, schwor sich: „Ich werde nie Bomben auf menschliche Siedlungen werfen!“ 20.000 Tote gab es durch das Bombardement Warschaus, hauptsächlich Zivilbevölkerung, viele Frauen und Kinder.
Vom Herbst 1941 bis Herbst 1943 lernte Simonsohn auf Flugzeugführer-Schulen der Luftwaffe das Fliegen. Anschließend wurde er in der Jagd auf die Flugzeuge der Alliierten eingesetzt, um deutsche Städte vor den nächtlichen Bombenangriffen zu schützen. Im Verlauf des Krieges wurde er zweimal abgeschossen. „Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod“, sagt Simonsohn.

Durch seine Kriegserlebnisse wurde Wilhelm Simonsohn zum Pazifisten. In einem deutschnational geprägten Umfeld war er in der Steenkampsiedlung aufgewachsen und hegte zu Kriegsbeginn noch Revanchegelüste gegen die Kriegsgegner aus dem Ersten Weltkrieg wegen des Versailler Vertrages. Am 8. Mai 1945 war er erleichtert, dass der noch grausamere Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation zu Ende ging, dass „das Morden nun endlich ein Ende gefunden hatte“.

Dass Deutschland mit seinen Nachbarn in Frieden lebt, ist für Wilhelm Simonsohn noch immer keine Selbstverständlichkeit. „Wir müssen unser Europa erhalten“, sagt er. Mit fast 100 Jahren berichtet er regelmäßig von seinen Erlebnissen an Schulen. Er wurde für sein Engagegent im August mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Wenn es um die Zukunft des Planeten geht, denkt Wilhelm Simonsohn wie seine Enkel, die er vor Kurzem auf eine Fridays- for-Future-Demonstration begleitet hat.

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