Alessandro Cocco (35) und Nadine Herbrich (33) . Foto: stahlpress
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Volker Stahl, Eimsbüttel

Sie hatten tolle Jobs, verdienten gut und kamen in der Welt herum – doch zufrieden waren Nadine Herbrich (33) und Alessandro Cocco (35) nicht. Beide kündigten ihre Festanstellungen im Immobiliengewerbe und bei einer Hamburger Privatbank, tourten mit einem Van ein halbes Jahr durch Südeuropa und wagten anschließend mit einem Abholservice für Glas und Altpapier den Start in die Selbstständigkeit.

Alles begann vor rund zwei Jahren in der Küche des Paars im Grindelviertel. Dort stapelte sich in einer Ecke Altpapier, auf dem Balkon stand eine Kiste voller Flaschen. „Doch die Motivation, das Zeug wegzubringen, war gleich Null“, erzählt Cocco, der nach einer Banklehre und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften bei der privaten Berenberg Bank in Hamburg arbeitete. „Ich habe mich gefragt, warum es dafür keinen Abholservice gibt und bei der Recherche nichts gefunden.“

Aus der spontanen Verwunderung entwickelte sich langsam eine fixe Idee – gespeist aus der Unzufriedenheit im Berufsleben. Cocco fühlte sich in einem „goldenen Käfig“ gefangen. Und Nadine Herbrich, eine Veganerin, die gerne Tiermedizin studiert hätte, stellte sich trotz glänzender Karriereaussichten in einem international agierenden Immobilienunternehmen die Sinnfrage: „Ich hatte eine schöne Wohnung, Geld und ein tolles Leben, doch mir fehlten ein gesellschaftlicher Mehrwert und Nachhaltigkeit in meinem Leben.“

Mehr aus Spaß besuchte das Paar im Sommer 2017 eine Veranstaltung, bei der man sich als Social Start-up für ein Stipendium bewerben konnte. Sie stellten bei der „challenge“ dem Publikum ihre noch völlig unausgereifte Idee vor – und gewannen. „Unterstützt von einem Coach haben wir dann etwas ausgearbeitet“, sagt Nadine. Das Konzept für recyclehero, Deutschlands erster Abholservice für wiederverwertbare Wertstoffe unter Einbindung von sozial Benachteiligten: Geflüchtete, Langzeitarbeitslose und Obdachlose. „Unsere Heroes sollen mit einem Lastenrad Altpapier, Altglas und Pfandflaschen bei unseren Kunden abholen“, ergänzt Alessandro.

Recyclehero versteht sich nicht nur als reiner Dienstleister, sondern möchte auch Kontakte zwischen Kunden und Heroes aufbauen. „Vielleicht kriegt einer dadurch ja mal einen festen Job.“
Nach einer Auszeit, der Tour entlang der Mittelmeerküste, nahm das Projekt Fahrt auf. Zurück in Deutschland, bestellten die Firmengründer ein 6.000 Euro teures Lastenrad, mit dem 200 Kilogramm transportiert werden können, und initiierten eine Schwarmfinanzierungskampagne. Ihre Geschäftsidee – „null Prozent Emission und 100 Prozent Recycling“ – überzeugte nicht nur private 532 Unterstützer, sondern auch die Hertie-Stiftung, die 7.000 zu den insgesamt 24.500 eingesammelten Euro beisteuerte. Die recycleheroes arbeiten mit grünen Kästen, die an die Kunden – Restaurants, Bars, Cafés und zunehmend private Haushalte – ausgegeben und am Abholtag vor die Tür gestellt werden.

Doch aller Anfang ist schwer. Aktuell bewegt sich der monatliche Umsatz zwischen 500 und 1.000 Euro, auch mit dem stundenweise beschäftigten jungen Erwerbslosen gibt es Probleme: „Neulich ist er einfach nicht zur Arbeit gekommen.“ Dann müssen die beiden Gründer, die bei anderen Hamburger Start-ups in der Finanz- und Öko-Branche Brotjobs nachgehen, selbst in die Pedale treten. Doch Nadine Herbrich ist zuversichtlich, dass sich mit den drei neu bestellten Lastenrädern nicht nur das Servicegebiet von Eimsbüttel, Hoheluft und Schanze bis nach Altona und Barmbek erweitert, sondern auch der Kundenkreis: „Es gibt ein starkes Interesse von Menschen, die diese Dienstleistung brauchen. Wir stoßen in eine Lücke.“

❱❱ www.recyclehero.de

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