Karin Natusch applaudiert ihrem Nachfolger Dirk Voss (Schulleiter der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule) bei der Grundsteinlegung. Fotos: mg

M. Greulich, Osdorfer Born

Im Grundstein der neuen Schule liegt ein Brief, den Dirk Voss in die Kapsel aus Kupfer gelegt hat. Der Schulleiter der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule (GSST) wollte wissen, wie sich seine Schüler das Leben im Jahr 2049 vorstellen. „Eine Schülerin schrieb: ,Das Leben wird sich verbessern, weil sich die Menschen mehr um die Umwelt sorgen. Ich hoffe, dass die Menschen jeden akzeptieren. Egal, ob er anders aussieht oder aus einer anderen Kultur kommt. Alle haben das Recht, ein glückliches Leben zu haben’“, so Voss bei der Grundsteinlegung für einen der bemerkenswertesten Hamburger Schulneubauten. Außer dem hoffnungsvollen Brief der Schülerin wurden eine aktuelle Tageszeitung und eine weiße Rose im Sinne der Namensgeber der Schule im Grundstein eingemauert.

Die riesige Baustelle liegt etwas südlich der alten Schulgebäude aus den 1970er-Jahren und dem alten Haus der Jugend, die später abgerissen werden. Mehrere Meter hohe Betonwände sind auf der 17.760 Quadratmeter großen Fläche bereits jetzt zu sehen: Sie markieren den Baufortschritt der großen Schulsporthalle mit Tribüne. Das Haus der Jugend wird ebenfalls in den neuen Gebäudekomplex integriert (das Elbe Wochenblatt berichtete). Die Fertigstellung des 38,5 Millionen Euro teuren Baus ist für 2022 geplant.

Voss’ Vorgängerin Karin Natusch beschreibt das Vorhaben so: „Die Kinder und Jugendlichen im Osdorfer Born bekommen eine ganz besondere Schule. Und die habt ihr auch verdient.“ Die ehemalige Schulleiterin erinnert sich, wie die Planung neuen Schub durch den Wettbewerb der Montag Stiftung „Pilotprojekte Schulen Planen und Bauen“ bekam. „Die Leiterin des Klick-Kindermuseums Margot Reinig kam 2012 bei uns vorbei und sagte: ,Das ist was für euch.’“ Das 20-seitige Bewerbungsschreiben der Schule gewann einen der drei Preise.

In der zwölfmonatigen Planungsphase halfen Architekten und ein Schulleiter, der mit neuen Schulkonzepten Erfahrungen gesammelt hatte. Das Kollegium sah sich drei neuartige Schulen in den Niederlanden an. „Es entstand ein gemeinsames Schulkonzept, auf dessen Umsetzung wir warten. Und wir freuen uns sehr darauf“, so Natusch.

Januar 2014: Nur die Krawatten ändern sich: Die damalige Schulleiterin Karin Natusch und Schulsenator Ties Rabe (SPD) bei der Vorstellung der Neubaupläne. Baubeginn war für 2015 angedacht und der Einzug in die neuen Räume für Sommer 2017. „Mit diesem Neubau möchten wir ein Zeichen setzen. Wir wollen im Stadtteil Aufstiegschancen durch gute Bildung ermöglichen und zugleich eine Aufbruchstimmung erzeugen“, so Rabe damals. Foto: Archiv/Reinhard Schwarz

August 2019: Senator mit Maurerkelle: Ties Rabe bei der Grundsteinlegung der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule. Foto: mg

Maurerkelle statt Einweihung

Schulsenator Ties Rabe legt Grundstein für Neubau der
Geschwister-Scholl-Stadtteilschule mit einigen Jahren Verzögerung

Der Senator hat an diesem Morgen eine kurze Lunte. Er will bei der Grundsteinlegung der Geschwister-Scholl-Stadtteilschule (GSST) zu den Gästen sprechen, doch das Mikrofon auf der Bühne ist viel zu leise eingestellt. Der Tontechniker möge ihm doch jetzt bitte ein anderes geben, sagt er. Es gibt eine laute Rückkoppelung, der Young ClassX Chor der Schule, der eben noch so schön gesungen hatte, hält sich die Ohren zu. Ties Rabe nimmt das neue Mikro und beginnt sofort zu erzählen, wie er 2011 als frisch ernannter Schulsenator zum ersten Mal an dieser Schule im Osdorfer Born zu Besuch war. Schon damals, so Rabe, hatte er die Idee, die Bauten aus den 1970er-Jahren abzureißen und neu zu bauen.

Rekordverdächtige achteinhalb Jahre im Amt

Die Ungeduld des Senators steht im seltsamen Widerspruch zu dem Langmut, den er anschließend bei diesem viel beachteten Schulbauprojekt an den Tag legte. „Ich musste in diesen achteinhalb Jahren zum am längsten amtierenden Bildungssenator werden, um diesen Tag zu erleben“, so Rabe.

Vieles ist dem Senator in dieser Zeit geglückt. Doch auf der Baustelle am Glückstädter Weg spricht der SPD-Politiker nun etwas wolkig von einem „langen Verfahren“. Anstatt mit der Maurerkelle den Grundstein zu legen, wollte Rabe in diesem Jahr, so war der Plan, den Neubau einweihen. Nun vermeldet die Behörde 2022 als Jahr der Fertigstellung. Dass Rabes Sprecher die Komplexität des Bauvorhabens und fehlende Baumfällgenehmigungen als Erklärung ins Feld führte, überzeugte im Stadtteil wenig.

Was waren die Gründe? Es hat dem Bauprojekt am Born jedenfalls nicht geholfen, dass der damalige Bürgermeister Olaf Scholz im Oktober 2016 eine einsame politische Entscheidung getroffen hatte: Als Bevollmächtigter des Bundes für Deutsch-Französische Zusammenarbeit, der er 2015 geworden war, beschloss Scholz das Deutsch-Französische Gymnasium an der Struenseestraße neu zu bauen. Diese Entscheidung wirbelte die Pläne durcheinander, die GSST stand auf der Prioritätenliste offenbar nicht an oberster Stelle.

„Die Bewohner des Osdorfer Borns haben immer wieder Zurücksetzungen erlebt“, sagt Frieder Bachteler, ehemaliger Schulleiter der GSST. Die Verzögerung des Baubeginns markierte für viele im Stadtteil eine weitere Enttäuschung. Der Unmut traf Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer, die einige Male in der Borner Runde saß, um über den Stand des Verfahrens zu berichten. „Das waren keine angenehmen Veranstaltungen“, sagt sie.

 

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