Zurück in Eimsbüttel: Jörg Kraußlach (75) steht vor dem Gebäude, wo er einst den Jugendclub leitete. Foto: kp flügel
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KP Flügel, Eimsbüttel

Wer heute an der Apostelkirche im mittlerweile hip-aufgeräumten Eimsbüttel vorbeikommt, wird sich nur schwer vorstellen können, dass vor 50 Jahren hier erbitterte Auseinandersetzungen um einen kirchlichen Jugendclub stattfanden. Dieser befand sich gegenüber dem Kirchengebäude in dem Haus, in dem heute noch immer Jugendberatung angeboten wird, Bei der Apostelkirche 6. Damals war Jörg Kraußlach in seiner Funktion als Jugenddiakon der Leiter des Jugendclubs. Nur vier Tage nach der Eröffnung stand eine Gruppe von Jugendlichen vor der Tür, die man bis dahin nur aus Berichten in der Presse kannte: Jugendliche, die man als Rocker bezeichnete.

„Die Gemeindejugend verpieselte sich sehr schnell. Die Rocker fragten mich, ,Na lieber Himmelskomiker, hast du Angst?’ ,Ja’, sagte ich. ,Brauchst du nicht zu haben, wir sind lammfromm’, war deren Antwort. Eine Versöhnung der Gemeindejugendlichen mit den Rockern war aber nicht möglich“, berichtet Jörg Kraußlach. Als der Jugendclub geschlossen werden sollte, setzen sich die Rocker für seinen Verbleib ein. Ihre Losung: „Merkwürden soll bleiben!“ Und besetzten das Haus. Wenige Tage darauf erschien die konkurrierende Rockergruppe Hells Angels und versuchten in das Haus einzudringen. Im Verlauf der Auseinandersetzungen kam der 20-jährige Kirchenhelfer Dieter König durch einen Messerstich ums Leben.

Die Kirche machte es dem Jugenddiakon nicht leicht

Vor den Konflikten lief der Diakon nicht weg, auch wenn er sich von der Kirche eine größere Unterstützung gewünscht hätte. „Ich hatte kein leichtes Leben innerhalb der Landeskirche Hamburg, die es sich sehr schwer gemacht hat, mich zu unterstützen.“ Ihm hätte es damals sehr geholfen, wenn er frühzeitig einen Dienstausweis bekommen hätte. Einmal habe er eine ihm übergebene Pistole bei der Polizei abgegeben, woraufhin er eine Anzeige wegen unerlaubten Waffenbesitzes bekommen hätte. Dass er die Frage, von wem er das bekommen hätte, mit Verweis auf seine Verschwiegenheitspflicht nicht habe beantworten wollen, sei damals von der Staatsanwaltschaft zuerst nicht akzeptiert worden.

Nach 15 Jahren verließ er die Gemeinde in Richtung Berlin. Ein Grund dafür war, dass er sich in seiner täglichen Arbeit von den Institutionen allein gelassen fühlte. Auch wollte er seinen Nachfolger im Viertel nicht stören. Jörg Kraußlach zog es in den wissenschaftlichen Bereich an der Universität. Er verfasste mehrere Bücher zur konfliktorientierten Pädagogik in der Jugendarbeit. Für sein Buch „Jugendarbeit zwischen Kneipe und Knast“ erhielt er 1975 den nach Hermine Albers benannten Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis. Auf eine Gratulation seitens der Kirche wartet er bis heute.

Mit 75 Jahren zieht es Jörg Kraußlach noch an die Uni. Dort interessieren ihn Jura, Geschichtswissenschaften und die Frage, wie ist das Recht und wie ist „der liebe Gott“ in die Welt gekommen.

Rocker – der Film
Bei den Feierlicheiten zum 50-jährigen Jubiläum wurde vor dem Jugendclub am
14. Juni der Film-Klassiker „Rocker“ von Klaus Lemke gezeigt. Der Film taucht ein in das Milieu der Hamburger Rockergangs in den Siebzigern und besticht durch seine Skizzierung von Atmosphäre, Attitüden und Artikulationen dieser Szene. KP

1 KOMMENTAR

  1. Kleine Korrektur: den Hells Angels MC gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es waren die Bloody Devils, die auch in dem Film „Rocker“ mitspielen. 1973 gründeten sie in Hamburg das erste Charter der Hells Angels in Deutschland.
    Enji Rayd (VicePres)
    Bloody Devils MC Germany
    Public Relations

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