Malte Borsdorf fand überzeugend Zugang zum Norddeutschen. Foto: Svenja Reinke-Borsdorf
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Von Gaby Pöpleu, Wilhelmsburg.
Malte Borsdorf, 1981 in Reutlingen geboren, wuchs in Tirol auf – nicht die besten Voraussetzungen, um einen Roman über eine norddeutsche Katastrophe zu schreiben, sollte man meinen. Doch Borsdorf gelingt in seinem Erstlingsroman „Flutgebiet“ (ISBN 978-3-99014-188-5, 19 Euro, im Buchhandel) gleich zweierlei: eine berührende Milieustudie über das Leben der Arbeiter im Wilhelmsburg Anfang der 1960er Jahre und – wie beiläufig – ein Bericht über die große, katastrophale Flut in Wilhelmsburg im Februar 1962.
Viel gewinnt Borsdorf durch die Verwendung typisch Hanseatischen Slangs: „Lass man die Dreikäsehochs, das kriegen die nich hin“, ereifert sich Heinrich, Hafenarbeiter und Vater von Karl, als der zusammen mit anderen jungen Leuten versucht, ein Funkgerät aufzubauen.
Wenn der jugendliche Karl seinem Vater im Henkelmann das Essen zur Arbeit aufs Schiff bringt, stimmen zwar manchmal die Entfernungen nicht so richtig, das stört aber nur wenig. Denn was dagegen gelingt ist der Eindruck, wieviel härter das Leben der einfachen Leute, der Tagelöhner und Arbeiter rund um Fährstraße, Vogelhüttendeich und Georg-Wilhelm-Straße war: Wenn es mal keine Arbeit gab, versetzte man im Leihhaus Lehner die letzten Habseligkeiten, um über die Runden zu kommen. Karls Mutter Alma ist froh, dass sie dahin nur einmal gehen musste, als Heinrich länger keine Arbeit fand.
In der Figur der tatkräftigen Alma zeigt sich ein typisches Frauenschicksal der Zeit: Sie kocht in der „Kogge“, wo sich Arbeiter und Prostituierte treffen, wo Schutzmann Hinrichsen schon am Vormittag „außer Dienst“ Köm und Bier „lüpft“, und wo Tagelöhner nach der Schicht einen mehr oder weniger großen Anteil ihres Lohnes lassen. Alma macht Eintopf und Frikadellen, richtet die Betrunkenen auf, „wischt Boden und Tresen“.
Als die große Flut hereinbricht, ist es – natürlich – Alma, die ihren Mann weckt, um den gehbehinderten Kneipenbesitzer Novotny aus seiner Erdgeschosswohnung zu retten, dem die modderige Brühe schon knietief im Zimmer steht. Nässe, Kälte, Schlamm – bei Borsdorf hat man zuweilen ein klammes Gefühl beim Lesen, und das nicht nur wegen der Flutszenen. Denn die eigentliche Stärke der Geschichte ist die Schilderung des rauen Lebens im Hafenarbeitermilieu.

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