Wilhelm Simonsohn aus Bahrenfeld zeigt den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland im Rathaus. Foto: hgs

M. Greulich, Bahrenfeld

Mit 99 Jahren setzt er sich unermüdlich für die Demokratie ein. Wilhelm Simonsohn bekam am Montag im Rathaus von Bildungssenator Ties Rabe den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Der Bahrenfelder berichtet als gefragter Zeitzeuge vor allem an Schulen, wie es war, in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuwachsen. Als Adoptivsohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter erlebte Si­monsohn die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten hautnah mit. Sein Vater kam in das Konzentrationslager Oranienburg/Sachsenhausen und starb an den Fol­gen der Haft.

Wilhelm Siomonsohn wuchs in der Steenkampsiedlung auf, wo sein Vater Leopold eine Kohlenhandlung betrieb. Stammkunden wie die Zigarettenfabrik Reemtsma, die Elektromaschinenfabrik Gustav Altmann und selbst die Bahrenfelder Kirchengemeinde boykottierten sein „Steenkamper Kohlenlager“. Dadurch geriet die Familie in Geldnot. Die Simonsohns mussten das Reihenhaus in der Ebertallee 201 verlassen und zogen in eine kleine Wohnung nach Altona. Weil sie das Schulgeld von monatlich 20 Reichsmark nicht mehr aufbringen konnten, muss-te Wilhelm das Altonaer Real-Gymnasium verlassen. Er trat aus der Marine-Hitlerjugend aus, wo er als „Judenlümmel“ beschimpft worden war.

Der Weltkriegssoldat
wurde zum Pazifisten

Ungefähr so alt, wie er damals war, sind die Schüler heute, denen Simonsohn aus seinem Leben erzählt. Häufiger hat er das in den vergangenen Jahren in der Geschwister Scholl-Stadtteilschule getan, aber auch in der Seh- und Hörbehinderten Schule Elbschule, der Max-Brauer-Stadtteilschule oder am Gymnasium Othmarschen war er bereits. „Es scheint für die jungen Menschen nicht alltäglich zu sein, dass da ein 99-Jähriger zu ihnen kommt“, sagt er.

Wilhelm Simonsohn ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, der als Soldat am Überfall auf Polen 1939 teilnahm. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war er Heeresaufklärer in einem Flugzeug, im weiteren Kriegsverlauf wurde er zweimal abgeschossen. „Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod“, sagt Simonsohn, der durch die Erlebnisse bei der Luftwaffe zum Pazifisten wurde.

Mit großem Vergnügen berichtet der brillante Erzähler den Schülern von den Lehren, die er aus der Geschichte gezogen hat. „Ich war immer Wechselwähler“, sagt er. Als politisch interessierter Mensch macht sich Wilhelm Simonsohn Sorgen, dass „unser Europa wieder Schlagseite kriegt. Schließlich ist es diesem Europa zu verdanken, dass wir seit 74 Jahren mit unseren Nachbarn in Frieden leben.“

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