Brouwer/Meeuwsen (l.) können es nicht fassen: Thole/Wickler jubeln nach ihrem knappen Sieg gegen die favorisierten Niederländer. Foto: mg

Folke Havekost, Eimsbüttel

Wenn Julius Thole am Netz hochspringt, seine großen Hände ausstreckt, zehn lange Fingern spreizt und einfach nicht mehr weggehen will, hat es nicht nur jeder Gegner schwer. Auch Stadionsprecher Dirk Böge sagt dann manchmal merkwürdige Dinge wie: „Dieser Satz braucht noch eine Energieleistung.“

Es ist aber auch nicht ganz einfach, in Worte zu fassen, was in der vergangenen Woche am Rothenbaum passiert ist: Julius Thole (22) und Clemens Wickler (24) vom Eimsbütteler TV sind Vizeweltmeister im Beachvolleyball! Eine Energie- und Euphorieleistung allerers-ter Güte.

„Was hier in Hamburg möglich gemacht wurde, ist ein neues Level, was Beachvolleyball angeht“, sagte Thole nach der knappen Finalniederlage gegen Viacheslav Krasilnikov und Oleg Stoyanovskiy aus Russland: „Mit einem bisschen Abstand werden wir unglaublich stolz auf dieses Turnier zurückschauen.“
Der 2,06-Meter-Hüne ist in Eimsbüttel zur Schule gegangen und studiert in Hamburg Jura, soweit der dichte Beachvolleyball-Fahrplan es zulässt.

„Mehr Lokalkolorit kann ein Sportler kaum mitbringen“, stellte die Frankfurter Allgemeine Zeitung fest.. Die Aufschläge seines aus Starnberg stammenden Partners Wickler ließen nacheinander Brouwer/Meeuwsen (Niederlande, Weltmeister 2013), Alison/Alvaro (Brasiliens Top-Duo), Lucena/Dalhausser (USA, Weltmeister 2007), Mol/Sörum (Norwegen, Weltranglisten-Erste) verzweifeln. „Ich hätte mir niemals erträumt, im Finale zu stehen vor so unglaublich geilen Leuten. Die machen Stimmung, das ist der Wahnsinn“, würdigte Wickler den Einsatz der 13.000 Zuschauer am „Rothenbeach“: „Diese Energie möchtest du immer wieder haben.“

Das Erfolgsteam wurde erst Anfang 2018 von Bundestrainer Markus Dieckmann zusammengebracht. Weil Wick-ler wegen eines Fußbruchs zuvor lange nicht spielen konnte, startete das Duo auf Rang 65 der Weltrangliste und musste über die globalen Dörfer der „World Tour“ tingeln, um sich nach vorne zu baggern, pritschen und schmettern. Ihr realistisches Ziel war damals, sich für die WM in Hamburg sportlich zu qualifizieren, ohne auf eine „Wild Card“ durch den Veranstalter angewiesen zu sein.

Nun ist es WM-Silber geworden. „Wir sind beide eher analytische Typen“, beschreibt Thole das Zusammenwirken, „und haben ein ähnliches Spielverständnis.“ Fernstudent Wickler ergänzt: „Wenn Situationen außerhalb des Gewohnten auftreten, können wir uns gut anpassen und die Taktik wechseln, falls es erforderlich ist.“ US-Legende Phil Dalhausser (39), Olympiasieger von 2008, staunte nach der Niederlage im Viertelfinale: „Als ich in ihrem Alter war, wollte ich den Ball nur so hart wie möglich schlagen. Aber die beiden hatten auf jede Frage eine Antwort.“

Die Europameisterschaft in Moskau vom 5. bis 11. August ist das nächste große Turnier des Eimsbütteler Duos. Der WM-Erfolg lässt aber vor allem das Fernziel Olympia 2020 deutlich näher heranrücken. Thole/Wickler sprangen auf Platz sieben der Weltrangliste. Die ersten 15 Paare qualifizieren sich im Juni 2020 direkt für die Spiele in Tokio.

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