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Belegschaft der Fischräucherei Hennings im Hohenesch 64-68. Das Foto hat die Familie Hagen dem Stadtteilarchiv Ottensen zur Verfügung gestellt.

Ein Rechtsstreit bedroht den Gewerbehof Hagen im Hohenesch. Der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass nun zum Überlaufen gebracht hat, ist ein Poller. Dieser verhindert seit kurzem die Zufahrt der Mieter zu ihren Arbeitsstätten. Die Existenz der etwa 80 Beschäftigten und Gewerbetreibenden steht auf dem Spiel. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Mit einer Petition rufen sie die Öffentlichkeit zur Unterstützung auf: „Wir sind eine fest im Viertel verankerte Gemeinschaft von Kleingewerbetreibenden, Musikerinnen und Musikern, Freiberufler*innen und Künstlerinnen und Künstlern und einer der letzten Gewerbehöfe dieser Art in Ottensen. Die Sanierungs- und Umwandlungswelle hat uns (bisher) verschont. Zu verdanken ist dies unserem Vermieter Herrn Hagen“, heißt es im Text zur Petition.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Gewerbehofs, in der Zeißstraße 28, befindet sich das Stadtteilarchiv Ottensen – Geschichtswerkstatt für Altona e.V. „Wir solidarisieren uns im Kampf um die Beseitigung gewachsener Strukturen in unserem Stadtteil“, sagen Anne Frühauf aus dem Vorstand des Archivs und Helmut Krumm, Vorstandsmitglied des Fördervereins Stadtteilarchiv Ottensen.

Der Gewerbehof blickt auf eine lange Tradition zurück. In den vergangenen hundert Jahren hat er einiges mitgemacht: Fisch räuchernde Frauen Anfang des vergangenen Jahrhunderts, Zwangsarbeit während des zweiten Weltkriegs, Abrissspekulationen in den 1960er Jahren und der Streit um die City West in den 1970er Jahren. Anfang der 1980er Jahre fand der Eigentümer schließlich Mieter für den heutigen Gewerbehof. Der Hof Hagen gehört damit zum industriellen Erbe Altonas und Ottensens.

 

Fische verpacken in der Räucherei Hennings in den 1930er Jahren.

Historische Bilder, Zeitzeugenberichte und Dokumente des Stadtteilarchivs erlauben eine Reise in die Vergangenheit: Das Räuchern und Konservieren von Fischen hatte in Ottensen Tradition und brachte dem Viertel um die Straße Hohenesch den Spitznamen Klein Heringsdorf ein. Die Bedeutung der Fischindustrie in Altona war enorm. In dem Katalog zur Ausstellung über die Geschichte des Stadtteils Ottensen, die 1982/83 im Altonaer Museum zu sehen war, ist nachzulesen, dass bis 1945 40% der in Deutschland hergestellten Fischkonserven aus Altona stammen. Das Stadtteilarchiv Ottensen beschäftigte sich in einem Rundgang zur Industriegeschichte auch mit der ehemaligen Fischräucherei Hennings – dem heutigen Gewerbehof Hagen.  1935 übernahmen demnach August und Augustine Hennings den 1896 gegründeten Fischbetrieb im Hohenesch 62 bis 72. Sie vergrößerten ihn, richteten einen Marinierbetrieb und eine Braterei sowie Ende der 1930er Jahre Kühlräume im Keller ein. „Im Kleinverkauf der Fischräucherei und Fischkonservenfabrik August Hennings gab es den frischen, manchmal noch warmen, unmittelbar aus dem Räucherofen kommenden Fisch. Bruchbückel – beim Räuchern beschädigter Hering – war besonders billig zu haben und galt als Arme-Leute-Essen,“ heißt es in einem Text zum Rundgang der Historikerin Birgit Gewehr. Demnach war Fischverarbeitung seit alters her Frauenarbeit. Die Durchschnittslöhne der Fischarbeiterinnen lagen weit unter denen ihrer männlichen Kollegen, wie die Wirtschaftswissenschaftlerin Annemarie Schmidt belegen konnte. „Damals gehörte die Arbeit in der Fischfabrik – neben dem Lumpensammeln – zu den schlechtbezahlten, am wenigsten angesehenen und sehr schmutzigen Tätigkeiten“, heißt es im Ausstellungskatalog. Merkmale dieser erschöpfenden Arbeit seien Kälte, Nässe und der durchdringende Fischgeruch gewesen. Rheumatische Erkrankungen und Rauchvergiftungen beim Räuchern waren die Folgen. Hinzu kamen die unregelmäßigen Arbeitszeiten, Saison- und Sonntagsarbeit je nach Fischanlandung. „Ohne Not geht niemand zu den Fischen.“ Dieser Ausspruch war laut Zeitzeuginnen auch noch Ende der 1920er Jahre oft zu hören.

Während des zweiten Weltkriegs wies das Amt für kriegswichtigen Einsatz den kriegswichtigen Firmen, zu denen auch die Fisch- und Lebensmittelindustrie gehörte, ausländische Arbeitskräfte zu. Auch bei Hennings waren einige russische Zwangsarbeiterinnen beschäftigt. Friederike Littmann konnte dies in ihrer Dissertation über Ausländische Zwangsarbeiter belegen.

Anfang der 1960er Jahre galt das ehemalige Arbeiterquartier als Schmuddelviertel, in dem niemand wohnen wollte. Es wurde nicht mehr in Wohnraum investiert, sondern auf Gewinne bei Abriss und Neubau spekuliert. Die Industriebetriebe gingen und in den 1970er Jahren drohte dem Stadtteil die Zerstörung durch den Bau einer gigantischen Bürostadt City West, durchkreuzt von Autobahnzubringern. Die öffentliche Stadtplanung wollte Arbeiten und Wohnen trennen, weshalb das alte Arbeiterwohnviertel und die leerstehenden Industriegebäude flächendeckend abgerissen werden sollten. Im Katalog zur damaligen Ausstellung ist beschrieben, wie Ottensen zu einem Stadtteil des Protests wurde, Bürgerinitiativen und politische Gruppen um Mitbestimmung bei der Stadtplanung kämpften. Schließlich wurden die „City West“-Pläne gekippt – nicht zuletzt durch den Widerstand der Bevölkerung.

Anfang der 1980er Jahre fand der heutige Eigentümer Hans Peter Hagen, der in den 1950er Jahren im Betrieb seines Großvaters August Hennings seine Ausbildung zum Räucherer machte, Mieter, die sich in den Fabrikräumen mit Fantasie und viel Eigenarbeit einrichteten, wie im Text zum Rundgang des Stadtteilarchivs beschrieben. Künstler, Musiker, ein Tanzstudio, Der Andere Surfladen, eine Kfz-Werkstatt, eine Druckwerkstatt, und die Eine-Welt-Werkstatt, in der Maschinen für eine Jugendwerkstatt in Nicaragua zusammengebaut wurden. Ab 1988 bot demnach die Jugendhilfe Ottensen in einer Holz- und Metallwerkstatt Arbeitsplätze und Lebenshilfe für schwer vermittelbare junge Erwachsene an. Die Betreiber übernahmen selbst die Instandsetzung und handelten einen langfristigen Mietvertrag mit günstiger Miete aus.

Heute betreibt der KoALA e.V. (Kooperation Arbeiten, Lernen und Ausbildung), Partner von Jugendhilfe Ottensen, im Vorderhaus der ehemaligen Fischräucherei die stadtteilbekannten Sozialküche La Cantina. Hier gibt es einen preisgünstigen Mittagstisch für Menschen mit wenig Geld und über ein Förder-Abo für „Normalverdiener“ ein leckeres Mittagessen zu „normalen“ Preisen. Nachmittags erhalten Obdachlose und Menschen mit sehr geringen finanziellen Mitteln eine warme Mahlzeit für 50 Cent.

Starke Frauen haben im Hohenesch Tradition: „In der alten Räucherei, wo einst fingerfertige Frauen ‚anrüchig‘ den Fisch verarbeiteten, ist heute die Frauenmetallwerkstatt Pfiffigunde in Betrieb“, heißt es in einer Ankündigung für einen Rundgang des Stadtteilarchivs. Das ist schon einige Jahre her, die Schrauberinnen sind lange umgezogen. Eine Motorradwerkstatt gibt es aber auch heute noch. Diese teilt sich mit 20 weiteren Initiativen, Werkstätten, Büros, Ateliers und La Cantina die alten Fabrikräume im Hohenesch 64-68.

Hans Peter Hagen ermöglicht bis heute moderate Mieten und unterstützt den Erhalt der alten Fabrik. Der Verdacht der Gemeinschaft im Gewerbehof: „Wir glauben, dass die Familie Hagen durch Mietausfälle, Regressforderungen und hohe Anwaltskosten zum Verkauf gezwungen werden soll“, heißt es im Text zur Petition. Anne Frühauf und Helmut Krumm betonen: „Die Familie Hagen ist eine der wenigen nicht spekulativ agierenden Vermieter von Gewerbeflächen. Das ist wirklich eine Ausnahme. Auch deshalb unterstützen wir den Kampf gegen das Aus für den Gewerbehof Hagen.“

 

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