Eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler jüdischer Geschichte im norddeutschen Raum reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Foto: Wolfgang Vacano

Von Volker Stahl. Nur einen Steinwurf vom pulsierenden Leben der Reeperbahn entfernt befindet sich ein besonderer Ort der Ruhe: der jüdische Friedhof an der Königstraße. Die 1873 geschlossene Begräbnisstätte ist eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler jüdischer Geschichte im norddeutschen Raum.

Fast 11.000 Begräbnisse von Juden aus Hamburg und Altona fanden auf dem Areal statt. Die Mehrzahl der Grabsteine hat Jahrhunderte überdauert, Bombenangriffen und der Naziherrschaft getrotzt. Lange Zeit war der Friedhof, der seit 1960 unter Denkmalschutz steht, in keinem guten Zustand. Viele der kunstvoll gestalteten, aus dem Weserbergland stammenden Steine waren verwittert, bemoost oder zerbrochen, die hebräischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Inschriften nur noch mühsam zu entziffern. Weil Wissenschaftler immer wieder auf den kulturhistorischen Wert des Gräberfelds verwiesen hatten, wurden Sponsoren wie die Reemtsma- und Zeit-Stiftung wachgerüttelt. Anschließend wurde das fußballfeldgroße Areal restauriert und erforscht.

Herausragende jüdische Persönlichkeiten

„Ein Friedhof ist ein Archiv aus Stein, dessen Sichtung sehr spannend sein kann“, sagt Michael Studemund-Halévy. Der vielsprachige Linguist und Universalgelehrte, der noch Ladino beherrscht, die alte Sprache der sefardischen Juden, die von der iberischen Halbinsel stammen, hat zusammen mit der Historikerin Gaby Zürn das Standardwerk zur außergewöhnliche Begräbnisstätte verfasst.

Die Geschichtsbücher unter dem freien Himmel „sind eine Art Ersatzüberlieferung für eine zerstörte Gemeinde“, sagt Studemund-Halévy, selbst Nachfahre sefardischer Juden. Viele herausragende jüdische Persönlichkeiten fanden in Altona ihre letzte Ruhe. Zum Beispiel Samson Heine, der Vater von Heinrich Heine und Frommet, die Frau von Moses Mendelssohn; sowie damals berühmte Rabbiner und Gelehrte wie Jecheskel Katzenellenbogen. Oder der berühmte Arzt Rodrigo de Castro, der als Begründer der Gynäkologie gilt.

„Wie kein anderer der zahlreichen historischen jüdischen Friedhöfe im Hamburger Raum ist gerade der Betahaim (‚Haus des Lebens‘) an der Königstraße geeignet, die wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinden der Hansestadt aufzuzeigen, ihre große und weit über Hamburg reichende Bedeutung“, betont Studemund-Halévy.

Der Ursprung des Begräbnisplatzes geht auf das Jahr 1611 zurück. Die aus Portugal eingewanderten Sepharden kauften ein Stück Land im erst seit 1937 zur Hansestadt gehörenden liberalen Altona. In Hamburg durften sie ihre Toten nicht bestatten. Später wuchs der Friedhof mit dem der aus Ost- und Mitteleuropa stammenden aschkenasischen Juden zusammen. Auf dem Gottesacker prallten zwei höchst unterschiedliche jüdische Kulturen aufeinander. Die aschkenasischen Juden versahen ihre eher schlicht gestalteten Gedenksteine bis ins 19. Jahrhundert nur mit hebräischen Inschriften. Lateinische Lettern und die Nennung der christlichen Zeitrechnung waren verpönt. Erst seit der Zeit der Emanzipation der Juden ist auf der Rückseite der Steine der deutsche Text eingemeißelt.

Die Grabmäler der in der Mehrzahl wohlhabenden Sefarden, viele waren erfolgreiche Kaufleute, heben sich dagegen durch aufwändige Gestaltung und umfangreiche Symbolik hervor. Zu erkennen sind biblische Motive wie die Opferung des Isaak, Daniel in der Löwengrube oder Vergänglichkeit symbolisierende Sanduhren. Segnende Hände und Levitengeschirr wie Kanne und Schale zieren ausschließlich Gräber, in denen Männer bestattet wurden. Weintrauben als Zeichen der Fruchtbarkeit dagegen wurde gern Frauen zugeordnet, auch Kinderzahl und Attribute wie „Schönheit“ oder „Krone des Mannes“ sind in Stein gemeißelt.

„Historische Zeugnisse sind allenfalls teilweise aus sich verständlich. Sie bedürfen der sachgerechten Interpretation durch die Geschichtswissenschaft“, betont Zürn. Bei jüdischen Friedhöfen sei das besonders dringlich: „Als Zeugnisse einer Minderheitenkultur sind sie der Mehrheit fremd und unverständlich.“

Zum Weiterlesen:
Michael Studemund-Halévy / Gaby Zürn: Zerstört die Erinnerung nicht. Der jüdische Friedhof Königstraße in Hamburg, 224 Seiten, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2010,
18 Euro

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