Geballtes Fachwissen: Das Team der Firma Otto Meyer umfasst 21 Mitarbeiter. Foto: pr

Hier gibt’s auch Werkzeugschlüssel in Größe 90

WILHELMSBURG. Im Verkaufsraum der Firma Otto Meyer & Co herrscht an diesem Nachmittag Hochbetrieb. Ein Kunde verlangt „200 Gewindeschrauben, 16 mal 55, Sechskant und verzinkt“, ein zweiter fragt nach einem Druckluftschlauch für eine Pumpe, ein dritter überreicht dem Personal ein Kettensägeblatt, das er neu geschärft haben möchte.
Fast ausschließlich jüngere Männer in Arbeitskleidung kommen hier vorbei – zu Wilhelmsburgs einzigem noch existierenden Eisenwarenhandel, in der Neuhöfer Straße. Was gerade nicht vorrätig ist, wird bestellt oder in der eigenen Werkstatt per Hand gefertigt. „Wir bemühen uns, alles an Werkzeugen und Ersatzteilen dazuhaben, was im Hafen benötigt wird“, sagt Geschäftsführerin Susanna Fiebig.
Wer zum ersten Mal das Ladengeschäft betritt, hat das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen: Gleich zu Beginn stößt man auf einen gigantischen, hölzernen Verkaufstresen, der noch aus den 60er Jahren stammt. An den Seiten und hinter dem Tresen schließen sich reihenweise Hochregale an, in denen insgesamt 28.000 Artikel lagern. Werkzeuge und Bauteile in allen Formen und Größen sind hier zu finden, ebenso wie etwa Warnschutzjacken und Kettenzüge.
Kleinteile wie Schrauben und Muttern werden wie früher aus hölzernen Schubkästen hervorgekramt. An einer Verkaufswand hängen Maulschlüssel mit unvorstellbaren Ausmaßen. Wozu – um alles in der Welt – dient ein Werkzeugschlüssel mit der Größe 90? Den Fahrradbastlern unter uns dürfte allenfalls die Größe 15 geläufig sein. „Damit zieht man zum Beispiel Muttern an Schiffsturbinenrädern fest“, klärt Verkäufer Frank Kraska auf.
Die Schifffahrtsbranche ist ein wichtiger Kunde: Wenn mal eine Metallstange für eine Reling benötigt wird, ein neuer Mülleimer für die Kombüse, dann ist Otto Meyer für viele die erste Adresse. Mit einigen Firmen im Hafen ist man ständig in Kontakt, um bei Bedarf in kürzester Zeit das richtige Teil liefern zu können. Vieles läuft heutzutage online. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, Internetportale zu schaffen, die speziell auf den jeweiligen Kunden zugeschnitten sind. „Die Digitalisierung ist ein Prozess, der uns noch viele Jahre beschäftigen wird“, sagt Fiebig.

Interview mit Otto Meyer-Geschäftsführerin Susanna Fiebig
Von der Theologie zum Werkzeughandel: Susanna Fiebig (53, Foto), Geschäftsführerin der Otto Meyer GmbH in der Neuhöfer Straße, ist einen ungewöhnlichen Berufsweg gegangen. Im Wochenblatt-Interview spricht sie über ihre Kindheit im elterlichen Eisenwarengeschäft, über den Umgang mit ihren Mitarbeitern und über ihr Lebensziel, auch als Werkzeughändlerin nachhaltig und umweltfreundlich zu produzieren.

Nach der Schule haben Sie zunächst Theologie studiert, um dann irgendwann abzubrechen und in den Eisenwarenhandel einzusteigen. Einen größeren Schwenk im Berufsleben kann man sich kaum vorstellen. Erklären Sie mal!
Tatsächlich hatte auch mein Vater einen Eisenwarenhandel. Schon als Kind habe ich dort gejobbt und bei der Inventur ausgeholfen. Mein berufliches Interesse ging aber in Richtung Religion. Nach sechs Semestern an der Uni habe ich jedoch gemerkt: Mit damals gerade mal 23 Jahren fühlte ich mich definitiv zu jung, um den Anforderungen des Pastorenberufs zu genügen.

Also „back to the roots“ sozusagen?
So ungefähr. Mein Vater hatte zu dem Zeitpunkt diese Firma günstig erwerben können und bot mir an, als kaufmännischer Lehrling einzusteigen. Das habe ich dann getan. Jetzt bin ich seit fast 30 Jahren im Betrieb und habe es noch keine Minute bereut. Seit 2010 fungiere ich auch als Alleingesellschafterin, bin also Besitzerin des Ladens.

Helfen Ihnen Ihre Theologiekenntnisse auch heute noch weiter?
Auf jeden Fall. Schließlich habe ich den Studiengang auch deshalb gewählt, weil ich mich für meine Mitmenschen interessiere. Personalführung wird heutzutage im Betrieb immer wichtiger. Man muss sich überlegen: Wer sind meine Mitarbeiter? Was tut ihnen gut? Wo kann die Reise für sie hingehen?

Susanna Fiebig

Das Ganze funktioniert so, dass Firmen ihr Gelände langfristig für ein Naturprojekt zur Verfügung stellen. Bei uns gibt es zum Beispiel auf der Gebäuderückseite am Veringkanal ein Beet mit einheimischen Pflanzen. Meiner Meinung nach tut jeder Quadratmeter, den wir der Natur zurückgeben, auch uns Menschen gut.

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