Zwei, die sich verstehen: Marion Göhring (l.) mit ihrem neuen Kollegen Homayoon Pardis. Foto: szameitat

Der Verein Human@Human vermittelt Flüchtlingspatenschaften

Von Bent Szameitat.
Homayoon Pardis kann sein Glück kaum fassen: Vor drei Jahren musste er mit seiner kleinen Familie Hals über Kopf seine Heimat
Afghanistan verlassen. Mit eisernem Willen und Hilfe von mitfühlenden Menschen schaffte er es sich bis Hamburg durchzuschlagen und sich hier ein neues Leben aufzubauen. Jetzt will er anderen Flüchtlingen helfen. Seit Januar verstärkt der 33-Jährige
das Team des Vereins Human@Human im Binnenhafen, der Patenschaften zwischen Geflüchteten und Hamburgern vermittelt.
Sein Geburtsort Herat ist nach Kabul die zweitgrößte Stadt in Afghanistan. Ein Land in dem seit mehr als 40 Jahren Krieg herrscht. Nach Englisch- und Literaturstudium arbeitete Homayoon Pardis sieben Jahre als Projektmanager. „Für eine internationale Organisation habe ich mich in Herat für Frieden und Stabilität im Land eingesetzt“, erzählt er im perfektem Deutsch. Eine Tätigkeit, die der islamistischen Miliz ein Dorn im Auge war. Immer öfter wurde er bedroht. „Die Taliban gaben mir sehr deutlich zu verstehen, dass ich es bereuen würde, wenn ich meine Arbeit nicht einstelle“, berichtet der Familienvater. Am Ende blieb ihm nur ein Ausweg: Flucht. In einem Rucksack verstaute er die wichtigsten Papiere, etwas Geld und ein paar Habseligkeiten. Mit seiner Frau an der Hand und der damals dreijährigen Tochter Parnian auf dem Rücken nahm er schweren Herzens Abschied von seiner Heimat.

Wer in ein
anderes Land
zieht, muss
als Erstes die
Sprache lernen
Homayoon Pardis
Human@Human

Über die Balkan-Route gelangten sie nach Deutschland. Nach einer Odyssee durch verschiedene Bundesländer und Flüchtlingscamps landeten die Pardis in einem Aufnahmelager in Eidelstedt. Von da an ging es bergauf: Die Familie besuchte Integrationskurse und absolvierte sämtliche Deutschkurse, die sie bekommen konnte. Die kleine Tochter bekam einen Kindergartenplatz und geht zur Schule. „Wer in ein anderes Land zieht, muss als Erstes die Sprache lernen“, rät Pardis Schicksalsgenossen.
Der Versuch eine bezahlbare Wohnung in Hamburg zu finden scheiterte allerdings anfangs kläglich. Pro Besichtigungstermin erschienen 60 Bewerber. Keine Chance für das Paar aus Afghanistan. Eine Deutschlehrerin stellte der Familie schließlich ihr Büro in Eimsbüttel zur Verfügung und verlegte ihre Arbeit ins Homeoffice. In ihrer kleinen Zweizimmerwohnung fühlen sich die Pardis rundum wohl und endlich angekommen.
Von dieser Freundlichkeit möchte der zurückhaltende Mann jetzt etwas zurück geben. Seit Februar 2019 arbeitet Pardis für den Verein Human@Human, der in den ehemaligen Haspa-Räumen an der Harburger Schloßstraße seinen Sitz hat. Seit 2015 vermittelt dieser Patenschaften zwischen Geflüchteten und Hamburgern. Die Räumlichkeiten stellt die Sparkasse dem Verein mietfrei zur Verfügung. Dafür nimmt das Team gern in Kauf, dass hin und wieder ein Passant eine Überweisung abgeben will.
Die Idee zur Gründung von Human@Human entstand zum Beginn der großen Flüchtlingswelle am Küchentisch der
ersten Vorsitzenden Dagmar Overbeck. „Mir war klar, dass die Behörden den Ansturm alleine nicht bewältigen können“, erinnert sich Overbeck. 300 Frauen, Männern und Kindern, die ihre Heimat aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verlassen mussten, konnte der Verein in der Zwischenzeit helfen. 70 Paten sind aktuell in der Kartei re-
gistriert. Neue Paten werden immer gesucht.
Der Verein hat sich die Hilfe zur Selbsthilfe zum Ziel gesetzt. „Die Unterstützung in einer Patenschaft ist vielfältig und richtet sich individuell nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Beteiligten“, erläutert Geschäftsstellenleiterin Marion Göhring das Konzept. Persönliche Treffen zwischen Paten und Flüchtling sind toll, aber nicht immer zwingend. Manchmal würde es schon helfen kurz zu telefonieren oder eine SMS auszutauschen. „Es ist wichtig Kontakte zu knüpfen und sich nicht zu isolieren“, weiß Homayoon Pardis aus eigener Erfahrung. Seine Deutschlehrerin half ihm nicht nur beim Erlernen der Sprache und dem Ausfüllen von Behördenformularen, sondern brachte seiner Familie auch Land, Leute und Kultur näher. Auf gemeinsamen Spaziergängen zeigte sie, dem von der Flucht noch traumatisierten Paar die Schönheit von Alster, Elbe, Stadtpark und Hafen und
weckte so auch deren Lebensfreude wieder.
Das Team im Binnenhafen freut sich über die personelle Verstärkung. Mit Homayoon Pardis haben wir einen Kollegen gefunden, dem die Flüchtlingsthematik vertraut ist, der mehrere Sprachen spricht und gleichzeitig ein Organisations-talent ist“, freut sich Marion Göhring. Denn die Hilfe zur Selbsthilfe durch Paten wird angesichts zahlreicher Krisengebiete in unser Welt weiterhin gebraucht. „Auch wenn das Thema Geflüchtete nicht mehr täglich die Schlagzeilen bestimmt, gibt es noch viel zu tun“, so Overbeck.
Wenn Homayoon Pardis mit seiner Familie mal für ein paar Tage seinen Schwager besucht, der mit seiner deutschen Frau in Nordrhein-Westfalen lebt, haben alle schnell Heimweh und wollen zurück in die Hansestadt.
„Hamburg ist der Ort den wir lieben und der heute unsere Heimat ist“, sagt Homayoon Pardis mit einem schüchternen Lächeln.

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