Ron Zimmering vor einem Graffito auf St. Pauli. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass niemand seinem Schicksal entkommen kann. Foto: kp flügel

KP Flügel, Hamburg-West

Ron Zimmering ist der künstlerische Leiter des Projektes „Hamburger Menetekel“, das vom 24. bis 26. Mai als futurologischer Kongress im Deutschen Schauspielhaus stattfindet. Er versucht, aus Graffiti Zukunftsprognosen für Hamburg und die Welt herauszulesen. Als Vorbild dient ihm die biblische Geschichte der auf eine Wand in einer fremdartigen Sprache geschriebenen Wörter „Mene Mene Tekel Upharsin“ (zu deutsch: gezählt, gezählt, gewogen, zerteilt). Erst ein Sprachentzifferer hat feststellen können, dass damit dem 543 vor unserer Zeit in Babylon herrschenden hochmütig-dekadenten König Belsazar der baldige Untergang prophezeit worden war.

Sind Graffiti also die Menetekel von heute, sprich die Vorboten eines erwartbaren Unheils? Davon ist Ron Zimmering überzeugt. „Ich hatte von Graffiti weder eine Ahnung noch einen Bezug, bis ich das Graffiti Museum kennengelernt habe. Diese Institution macht an vielen Theatern Projekte“, erzählt der 1984 in Dresden geborene Theatermann, der in Leipzig Schauspiel und an der Hamburger Theaterakademie Regie studiert hat.

Unmissverständlich stellt Ron Zimmering klar, dass im Theater keine Graffiti gesprüht werden. Vielmehr geht es um ein Forschungsprojekt. Sieben Schulklassen – unter anderem von der Max Brauer Schule und der Stadtteilschule Eidelstedt – haben sich in ihren Bezirken die auf die Wände gesprühten Buchstabenkürzel angeschaut, die im Graffiti-Fachjargon „Tags“ genannt werden.

Was sie herausgelesen haben stellen die Schüler den Fachleuten aus Wissenschaft und Forschung sowie dem Publikum vor. Mit den Mitteln des Theaters wird das Ganze auf die Bühne gebracht. Eins ist für ihn schon heute klar: „Die Schüler gehen nach der Projektwoche aufmerksamer durch die Stadt als zuvor.“
Ron Zimmering versucht bei seinen freien Regiearbeiten Kunst und Wissenschaft einander anzunähern. Bei der Arbeit für das Theater reizt ihn das Unmittelbare, wenn er das Kribbeln zwischen Schauspielern und dem Publikum spüren kann. Besonders das Mitfiebern fasziniert ihn, „wenn so viele Menschen für den einen Moment so viel Zeit und Energie reinstecken“, und er zugleich die Vergänglichkeit spürt, dass dieser eine Moment so schnell wieder vorbeigeht.

❱❱ www.hamburgermenetekel.de

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